The Shining (Tolle Filme, die noch älter sind als ich #29)

 

Filmdaten:
Genre: Horror/Mysterythriller
Mit: Jack Nicholson
Jahr: 1980
Land: USA
Regie: Stanley Kubrick
Länge: 146 min
OT: The Shining

 

Hallo Filmfreunde,

in der heutigen Besprechung geht es um den Film „The Shining“, der popelige sieben Jahre älter als ich und damit einer der jüngeren Vertreter dieser Reihe ist. Bei dem Film handelt es sich meiner Meinung nach nicht nur um den beste Kubrick-Film, sondern auch um die bis heute beste Verfilmung eines Stephen King Romans. Zumindest sehe ich das so. Stephen King selbst sieht das vollkommen anders. Immerhin hat sich der Autor der Romanvorlage in mehreren Interviews negativ bis abwertend über Kubricks Film geäußert. Aber warum? Und kann man generell von einer guten/gelungenen Buchverfilmung sprechen, wenn der Autor der Vorlage den Film hasst?

Schauen wir zunächst die inhaltliche Ebene der beiden Werke an. Sowohl im Film als auch im Buch geht es um eine Familie, die über die Wintermonate in ein verlassenes Hotel zieht, weil der Vater dort einen Job als Hausmeister angenommen hat. Dort will dieser die Abgeschiedenheit des Hotels nutzen, um ein Buch zu schreiben. Es dauert nicht lange bis mysteriöse Dinge im Hotel passieren und das friedliche Familienleben aus dem Ruder läuft.

Auch wenn einige der einprägsamsten Szenen des Films im Buch nicht vorkommen, erzählen beide Werke im Grunde die gleiche Geschichte. Was also ist Kings Problem? In einem Interview verglich der Autor Kubricks Film mit einem schönen Auto ohne Motor und warf dem Regisseur vor, das Horrorgenre nicht begriffen zu haben.

It’s like a great big beautiful Cadillac with no motor inside, you can sit in it and you can enjoy the smell of the leather upholstery, the only thing you can’t do is drive it anywhere. So I would do everything different. The real problem is that Kubrick set out to make a horror picture with no apparent understanding of the genre. Everything about it screams that from beginning to end, from plot decisions to the final scene.“

Ma-Gos Übersetzung:

Es ist wie ein schöner großer Cadillac ohne Motor. Du kannst dich reinsetzen und den Duft der Lederpolster genießen. Was du jedoch nicht machen kannst, ist damit rumzufahren. Also würde ich stattdessen irgendetwas anderes tun. Das Problem ist, dass Kubrick einen Horrorfilm machen wollte, obwohl er das Horrorgenre offensichtlich nicht verstanden hat. Alles an dem Film drückt das aus. Vom Anfang bis zum Ende, von einzelnen Handlungselementen bis hin zur letzten Szene.

 

Dass Kubrick das Genre nicht verstanden haben soll, halte ich für eine recht gewagte These. Immerhin gibt es einen ganzen Haufen von Filmfans, die „The Shining“ durchaus für spannend und unheimlich erachten. Und das ist meiner Meinung nach für einen Horrorfilm/Mysterythriller nicht das schlechteste. Eine der großen Stärken des Films ist für mich Hauptdarsteller Jack Nicholson, der einfach einen total unheimlichen Familienvater spielt. Stephen King hält die Besetzung Nicholsons und dessen Charakter für eines der größten Probleme des Films. Um Kings Meinung hierzu kurz und knapp zusammenzufassen: Nicholsons Jack Torrance ist einfach zu verrückt. Während der Jack im Buch ein zunächst netter Kerl zu sein scheint, der hier und da ein paar durch Alkoholismus bedingte psychische Probleme hat, ist der Jack im Film im Grunde von Anfang an ein ziemlich schräger Vogel, bei dem der Zuschauer gleich weiß, dass er Probleme machen wird. In einem Interview mit Deadline fasst es King wie folgt zusammen:

 

[…] the character of Jack Torrance has no arc in that movie. Absolutely no arc at all. When we first see Jack Nicholson, he’s in the office of Mr. Ullman, the manager of the hotel, and you know, then, he’s crazy as a shit house rat. All he does is get crazier. In the book, he’s a guy who’s struggling with his sanity and finally loses it. To me, that’s a tragedy. In the movie, there’s no tragedy because there’s no real change.“

Ma-Gos Übersetzung:

Der Charakter Jack Torrance im Film hat keinen Handlungsbogen. Überhaupt keinen. Wenn wir Jack Nicholson zum ersten mal sehen, ist er im Büro des Hotelmanagers und du weißt da schon, dass er so verrückt wie eine Scheißhausratte ist. Alles was er in der Folge tut ist noch verrückter zu werden. Im Buch ist er ein Mann, der Probleme mit seinem Verstand hat und letztendlich die Kontrolle verliert. Das ist für mich eine Tragödie. Im Film gibt es keine Tragödie, weil es keine echte Veränderung gibt.

King wollte anstelle des für seine Darstellung eher psychisch unstabilen Figuren bekannten Nicholson einen Darsteller, der normaler aussieht, dann langsam Schritt für Schritt den Verstand verliert und damit den dramaturgischen Bogen der Handlung anhebt. Dazu hatte er entweder Jon Voight oder Michael Moriarty im Kopf und Kubrick angeblich vorgeschlagen. Ich persönlich kann mir heute nach zahlreichen Sichtungen überhaupt keine andere oder gar bessere Besetzung als Jack Nicholson vorstellen. Lustigerweise hatte Kubrick selbst darüber nachgedacht die Hauptrolle seines Films mit Robert DeNiro oder Robin Williams zu besetzen, bevor er sich eben für Nicholson entschied. Ich frage mich wie die Karriere von Robin Williams wohl verlaufen wäre, wenn er den Verrückten aus dem Shining-Hotel gespielt hätte…

Genauso unzufrieden wie mit der Besetzung Nicholsons zeigte sich King im Hinblick auf die weibliche Hauptfigur der Wendy Torrance, gespielt von Shelley Duvall. In einem Interview mit BBC drückte er dies so aus:

Shelley Duvall as Wendy really is one of the most misogynistic characters ever put on film. She is basically just there to scream and be stupid. And that’s not the woman that I wrote about.“

Ma-Gos Übersetzung:

Shelley Duvall als Wendy ist eine der frauenfeindlichsten Charaktere, die jemals in einem Film vorkam. Sie ist im Grunde nur dafür da um zu schreien und dumm zu sein. Das ist nicht die Frau, über die ich geschrieben habe.

 

Auch wenn Wendy Torrance in Kings Roman jetzt nicht unbedingt eine feministische Superheldin ist, kommt sie in der Vorlage tatsächlich deutlich selbstbestimmter und stärker weg als das im Film der Fall ist. Insofern würde ich King hier zustimmen. Shelley Duvall wurde übrigens für ihre Leistung in „The Shining“ für die goldene Himbeere als schlechteste Schauspielerin nominiert. Genauso wie Stanley Kubrick für den Award als schlechtester Regisseur.

Kings Enttäuschung über Kubricks Film ging letztendlich so weit, dass er 1997 als Produzent und Drehbuchautor „The Shining“ als TV Miniserie unter der Regie von Mick Garris neuverfilmen ließ. Im Gegensatz zu Kubricks Version wollte King hier das übermenschliche Böse, das im Buch vom Overlook Hotel selbst und nicht von den menschlichen Hauptfiguren ausgeht, in den Vordergrund stellen. Dieses hätte Kubrick in seinem Film nicht erfasst und stattdessen eine häusliche Tragödie mit nur vagen übernatürlichen Andeutungen gedreht. Das 1997er Remake habe ich vor über 15 Jahren gesehen und kann daher nicht mehr sicher sagen, wie es im direkten Vergleich mit Kubricks Version abschneiden würde. Allerdings kommt in der 97er Version eine Szene vor, die mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist und von der ich überzeugt war, dass sie aus dem Kubrick-Film von 1980 stammt. Dazu hatte ich letztes Jahr im Rahmen einer Beitragsreihe zu Halloween eine kleine Anekdote zum besten gegeben.

Ich denke es ist klar geworden warum Stephen King „The Shining“ trotz des großen Erfolgs des Films nicht mag. Auch wenn die Geschichte der beiden Versionen auf den ersten Blick identisch sind, gibt es doch einige grundlegende Unterschiede. Ich hatte in diesem Artikel eingangs die Frage gestellt, ob man generell von einer guten/gelungenen Buchverfilmung sprechen kann, wenn der Autor der Vorlage den Film als überhaupt nicht gelungen ansieht. Ich denke, dass ein Regisseur bei der Umsetzung einer Literaturverfilmung durchaus eigene Interpretationen und Gedanken in seine Version einbringen darf. Genau das hat Kubrick in seinem Film getan. Er hat die Story und das Setting beibehalten und den Fokus wie King selbst sagt auf den Aspekt einer häuslichen Tragödie mit ünersinnlichen Elementen verschoben. Und am Ende steht nun mal ein sehr guter Film, der auf einem Roman von Stephen King basiert. Ergo, eine sehr gute Buchverfilmung. Sorry, Stephen.

 

Was sagt ihr dazu? Habt ihr „The Shining“ gesehen und/oder gelesen? Welche Verion hat euch besser gefallen? Und kann man eurer Meinung nach von einer guten Buchverfilmung sprechen, wenn der Autor der Vorlage den Film hasst?

9 Kommentare zu „The Shining (Tolle Filme, die noch älter sind als ich #29)

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  1. Ich kann King durchaus verstehen, denn ich teile seine Kritikpunkte, was die Charaktere angeht. Von Beginn an sind die alle so irre, dass es niemanden wundern sollte, dass die sich im Hotel dann abschlachten wollen. Da fehlt einfach komplett die Entwicklung und mitfiebern kann ich mit den Wahnsinnigen auch nicht.
    Außerdem mag ich das Ende nicht. Das hat mir im Buch viel besser gefallen.

    Aber ich bin immer dafür, eine „eigene“ Version einer Vorlage zu machen, weil ich keinen Mehrwert darin sehe, eine bereits vorhandene Geschichte 1:1 auf ein anderes Medium zu übertragen. Zumal das in der Regel auch einfach nicht möglich ist. Deshalb mag ich den Film für das, was er ist, feier ihn aber aus den oben genannten Gründen nicht so ab, wie viele andere.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ja finde ich wie gesagt auch. Ärgerlich wird es nur dann, wenn ein Film (absichtlich oder aus Oberflächlichkeit) den Subtext eines Werkes vollkommen ignoriert und auf reines Bombastkino setzt.

      Gefällt 1 Person

  2. Ich denke, ich kann verstehen, dass man unzufrieden ist, wenn man das Buch zum Film geschrieben hat und dann sieht, dass daran soviel geändert wurde. Ob nun zum Guten oder Schlechten sei dahingestellt, denn das Buch dazu habe ich gar nicht gelsen und es ist auch sehr lange her, dass ich den Film gesehen habe. Ich kan dazu also nicht viel sagen… Was mir allerdings im Kopf geblieben ist, ist dass Shelley Duvall, die Wendy im Film spielt, in einem Interview mal meinte, ihr habe der Film und das, was ihre Rolle von ihr abverlangte (ständig zu weinen und zu schreien) sehr zugesetzt. Und dass Kubrick da ziemlich hart ihr gegenüber war und sie im Vergleich zu den anderen Schauspielern relativ schlecht behandelt hätte, was sogar Jack Nicholson kritisert hat.

    Im Übrigen werd ich versuchen „verrückt wie eine Scheißhausratte“ in meinen Wortschatz zu übernehmen! Ich hab beim Lesen von dem Ausdruck ziemlich lachen müssen! 😀

    Gefällt 2 Personen

  3. Die unterschiedlichen Herangehensweisen sind letztlich wohl auch eine Folge der Zeit, die den Autoren zur Verfügung steht. Kubrick muss das alles in knackigen zwei Stunden erzählen, während es sich King auf 1000 Seiten bequem machen und alles ellenlang ausflätzen kann. Für mich ist Shining aber ein schönes Beispiel dafür, wie die selbe Geschichte in unterschiedlichen Medien funktionieren kann – bzw., wie man sie modifizieren muss, damit sie funktioniert.

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