Film: I, Tonya

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Filmdaten:

Genre: Biopic/Drama
Mit: Margot Robbie
Jahr: 2017
Land: USA
Regie: Craig Gillespie
Länge: 120 min
OT: I, Tonya

Hallo Filmfreunde,

in der heutigen Besprechung geht es um Craig Gillespies Film „I,Tonya“, den ich im Rahmen der Filmreise Challenge Aufgabe „Schaue einen Film zum Thema Wintersport“ gesehen habe.

An dieser Stelle schreiben Filmfans wie ich gerne, dass ein gutes Biopic es schafft die porträtierte Person und/oder deren Wirkungskreis dem Zuschauer näher zu bringen und Interesse dafür zu wecken. In der Regel sehe ich das tatsächlich so. Doch würde dieser Maßstab für „I,Tonya“ gelten, wäre der Film ein ziemlicher Flop. Denn wenn ich ehrlich bin, ist mein Interesse am Eiskunstlauf nach dem Film genauso gering wie vor der dessen Sichtung. Trotzdem hatte ich mit „I, Tonya“ großen Spaß.

Das liegt vor allem an der Erzählstruktur des Films, der im Grunde das Leben und die Karriere der ehemaligen Eiskunstläuferin Tonya Harding porträtiert. Von der Protagonistin selbst hatte ich vor diesem Film genauso wenig etwas gehört wie von dem Skandal im Vorfeld der olympischen Spiele von 1994, in den Harding damals (möglicherweise) verwickelt war.

Tonyas Geschichte wird im Film anhand von Rückblenden und nachgestellten Interviews diverser Beteiligten Personen erzählt, deren Aussagen zu den Vorkommnissen und Beschreibungen Tonyas Charakters sich teilweise widersprechen. Meine Lieblingszene ist beispielsweise wenn Tonya ihren Geliebten mit einer Schrotflinte aus dem Haus jagt, wie dieser es zuvor in einem Interview berichtet hat. In dieser Szene durchbricht Tonya die vierte Wand und wendet sich mit der ginsend vorgetragenen Info an den Zuschauer, dass dieser Vorfall natürlich so niemals passiert ist. Auf diese Weise kann sich der Zuschauer nie sicher sein welcher Teil der Geschichte nun tatsächlich wahr ist und welcher von den jeweiligen Figuren erfunden und verändert wurde. Durch diese teilweisen absurd-komischen Elemente wird „I, Tonya“ zu einer schwarzen Komödie, die durchweg unterhaltsam ist.

Gleichzeitig schlägt der Film aber auch ernste Töne an, die viel eher dem klassichen Biopic-Drama entsprechen. So lernen wir jenseits des Skandals Tonya Harding auch als eine Frau kennen, die vom sportlichen Ehrgeiz getrieben an ihre körperlichen Grenzen geht und für ihren Sport lebt. Gleichzeitig wird ziemlich schnell klar, dass Tonya, die aus einem sozial eher schwierigen Umfeld stammt, sich keine hübschen Kostüme leisten und sich nicht angemessen auszudrücken kann, trotz ihres Talents und ihrer Physis, in der elitären Eiskunstlaufwelt keine echte Chance haben wird. Auf privater Ebene wird Tonya Harding dann quasi zur tragischen Figur. Die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter ist ebenso Teil des Films wie ihre von Misshandlung und Missbrauch geprägte Ehe. Trotz dieser schwierigen Umstände verklärt der Film Tonya Harding keineswegs nur zum Opfer. Es wird auch deutlich, dass die Eiskunstläuferin durchaus Chancen hatte ihr Leben in den Griff zu bekommen und sich immer wieder selbst im Weg stand. So war es im Zweifelsfall ein kaputter Schnürsenkel, der einer nie erreichten olympischen Goldmedallie im Weg stand.

Alles in allem ist „I, Tonya“ ein sehr gelungenes und einzigartiges Biopic, das als eine Mischung aus schwarzer Komödie und Sportlerinnendrama daherkommt. Getragen von großartig aufpielenden Schauspieler/innen ist der Film für mich ein echtes Highlight seines Genres.

16 Kommentare zu „Film: I, Tonya

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  1. Ich fand den gut, als Genrehighlight würde ich den aber nicht sehen. Wenn ich jetzt an den Film denke, kommen mir die von dir genannte Szene, Alisson Janney als Mutter und der fabelhafte Soundtrack in den Sinn. Allerdings wird Tonya Harding in diesem Film doch stark in die Opferrolle gepackt, was ihn neben seiner Machart, mir war das einen Tick zu drüber von einem sehr guten Film unterscheidet.

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    1. Das mit der Opferrolle habe ich gerade nicht so empfunden. Klar das Ende vor Gericht zeigt uns eine Frau, die (möglicherweise unschuldig) ihres Lebensinhalts beraubt würde. Dennoch zeigt der Film wie ich finde an einigen Stellen auch, dass Harding an ihrem Schicksal , zumindest teilweise, selbst Schuld ist.

      Dass in ihrem Leben nun mal einiges schief gelaufen ist, man denke da an die Beziehung zur Mutter, entspricht (wahrscheinlich) den Tatsachen.

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  2. Ich fand den auch sehr gut, insbesondere die Darstellungen von Robbie und Allison Janney. Am Ende hat man schon etwas das Gefühl, der Film schlägt sich (vielleicht zwangsläufig) auf die Seite von Harding, aber ohne sie dabei „freisprechen“ zu wollen.

    Interessant wäre vielleicht ein „Schwesterfilm“ über Nancy Kerrigan. Denn das Opfer der ganzen Angelegenheit ist hier dann doch eher eine Randnotiz.

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    1. „Am Ende hat man schon etwas das Gefühl, der Film schlägt sich (vielleicht zwangsläufig) auf die Seite von Harding, aber ohne sie dabei „freisprechen“ zu wollen.“

      Ob sich der Film auf ihre Seite stellt weiß ich nicht so recht. Auf jeden Fall zeigt er, dass Harding aufrichtig unter dem Urteil gelitten hat, weil ihr der Sport wirklich etwas bedeutet hat. Trotzdem war es bei mir als Zuschauer so, dass ich zu keinem Zeitpunkt Mitleid mit ihr hatte. Dafür war ihre Darstellung im Film davor viel zu unsympathisch. Zumindest was die sportliche Karriere angeht. Die private Seite ist natürlich tragisch und hat niemand verdient.

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      1. Stimmt schon. Wenn ich mich recht erinnere, liefert der Film auch gute Argumente, warum ihre Darstellung, sie habe gar nichts gewusst schwer haltbar ist (die sie wohl in einem Interview nach dem Film auch zum ersten Mal aufgegeben hat).

        Ein gewisses Mitgefühl konnte ich schon empfinden, allein für ihre Situation mit Mutter und Ehemann, wenn sich daraus auch kein Verständnis für den Angriff ableitet. Das Ende mag ein wenig wie eine Positionsnahme wirken, weil es vermutlich vor allem dazu dient Hardings (von der Presse geschaffenen) Image der „Eishexe“ entgegen zu wirken.

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          1. Ich habe mir jetzt auf Grund deiner Überraschung die Filmographie des Mannes angesehen und muss mich korrigieren.
            Ich habe Logan Lucky und Black Swan gesehen. In beiden kann ich mich nicht an ihn erinnern. Bei den Marvelfilmen habe ich tatsächlich nur eine Handvoll gesehen. Bin da ziemlich früh, ich glaube es war nach dem zweiten Avengers, ausgestiegen.

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  3. Ja, das war mal ein Biopic der anderen Art. Den Fall Harding/Kerrigan habe ich damals auch verfolgt. Das war schon ein ziemliche Sensation und natürlich ein gefundenes Fressen für die Massenmedien. Hier ließ sich ja auch so schön nach Gut/Böse, schuldig/unschuldig trennen.
    Die Hintergründe der ganzen Sache zeigt der Film wirklich sehr anschaulich und plötzlich ist es gar nicht mehr so einfach sich hier klar zu positionieren. Hardings White Trash-Lebenslauf lässt schon eine Menge Mitgefühl aufkommen, auch wenn die die leichte Art der Inszenierung auch oft genug zum Lachen Anlass gibt. Getragen von hervorragenden Darstellern und einem sehr gelungenen 1980er-Jahre Settings schafft es der Film tatsächlich Verständnis für Hardings oft drastischem Verhalten zu wecken. Sicherlich zu einem Teil Opfer der Lebens- und Familienumstände, aber ganz sicher auch dem permanentem Druck Ihres Sports und der eigenen Mutter nicht immer gewachsen.

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    1. „Hardings White Trash-Lebenslauf lässt schon eine Menge Mitgefühl aufkommen, auch wenn die die leichte Art der Inszenierung auch oft genug zum Lachen Anlass gibt.“

      Wie ich gerade weiter oben geschrieben habe, hielt sich mein Mitgefühl für Tonya in Grenzen. Dafür fand ich sie insgesamt einfach zu unsympathisch. Allerdings muss man da ganz klar zwischen der privaten Tragödie und der sportlichen Karriere trennen. Privat scheint Harding wirklich eine bedauernswerte Person zu sein. Auf der anderen Seite stehen ihr Verhalten und ihre Entscheidungen im sportlichen Bereich. Und da ist sie an vielem einfach selbst Schuld.

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