Interpretation: The Killing of a sacred Deer – Eine moderne griechische Tragödie

Alamode
© Alamode

Filmdaten:
Genre:
Mystery/Thriller
Mit:
Nicole Kidman, Colin Farrell, Barry Keoghan
Jahr:
2017
Land:
GB/USA
Regie:
Giorgos Lanthimos
Länge:
121 min
OT:
The killing of a sacred deer

 

Hallo Filmfreunde,

wer hier regelmäßig mitliest wird sicherlich festgestellt haben, dass ich ab und an ganz schön merkwürdige und zuweilen auch schräge Filme anschaue. In diese Kategorie zählt ganz sicher auch Giorgos Lanthimos Film „The Killing of a Sacred Deer“.

Um es direkt vorweg zu nehmen, hat mir der Film aus verschiedenen Gründen nicht gefallen. Die Filmmusik, die beinahe willkürlich gesetzten Soundeffekte und vor allem die monotonen, staccatoartigen und absurden Dialoge der Figuren machten es mir sehr schwer einen Zugang zum Film zu finden.

Trotzdem fand ich „The Killing of a Sacred Deer“ inhaltlich sehr interessant, sodass ich mich genötigt sah mir ein paar Gedanken dazu zu machen. Das Ergebnis davon möchte ich in dieser Interpretation mit euch teilen. Vielleicht hilft es ja dem einen oder anderen den Film besser zu verstehen. Damit dies gelingt müssen wir zunächst einen kleinen Ausflug in die griechische Mythologie unternehmen. Klingt doch spaßig, oder? Wie immer sind meine Interpretationen voll von Spoilern, da ich, um meine Gedanken zum Film zu erklären, explizit auf den Inhalt und die Auflösung des Films eingehen muss. Es möge also nur weiterlesen, wer den Film bereits kennt.

Mythologischer Hintergrund:

Beginnen wir zunächst mit dem Titel des Films. „The Killing of a Sacred Deer“ (dt. „Das Töten eines heiligen Hirsches“) ist ein Verweis auf das Stück Iphigenie in Aulis des griechischen Tragikers Euripides, welches im Film selbst sogar explizit erwähnt wird. Iphigenie ist in der Mythologie die Tochter Agamemnons, dem Heerführer der Griechen im Krieg gegen Troja. Auf dem Weg in die Schlacht tötet Agamemnon im heiligen Wald der Göttin Artemis unwissentlich einen ebenfalls heiligen Hirsch. Da Agamemnon keinerlei Reue zeigt und sich sogar noch über die Göttin lustig macht, sorgt die zornige Göttin für eine anhaltende Windstille, die die Weiterfahrt der griechischen Segelflotte unter Agamemnons Führung verhindert. Die Windstille soll erst aufgehoben werden, wenn der Heerführer seine Tochter Iphigenie der Göttin opfert.

Das Töten eines heiligen Hirsches ist somit gewissermaßen eine Metapher für sich unwissentlich einer Sünde schuldig zu machen und dem damit verbundenen Umgang mit eben dieser Schuld. Genau das sind dann im Film „The Killing of Sacred Deer“ auch die wesentlichen thematischen Elemente: Schuld, Sühne und Gerechtigkeit.

Der Film als moderne Iphigenie-Adaption

Im Film spielt Colin Farrell den erfolgreichen Herzchirurgen Steven Murphy, der optisch, dank eines beachtlichen Vollbarts, durchaus an einen griechischen König oder Heerführer erinnert. Wie Agamemnon begeht auch Steven einen folgenschweren Fehler. Bei einer Operation am offenen Herzen tötet er versehentlich einen Patienten. Genau wie der hochmütige griechische Heeresführer ist sich Steven keiner Schuld bewusst. Während sich Agamemnon seiner Taten sogar rühmt, sucht Steven die Schuld fieberhaft bei anderen. Der Patient war zu krank. Der Anästhesist war schuld. Generell machen Chirurgen keine Fehler. Diese Vorstellung der eigenen Unfehlbarkeit steigert sich sogar in regelrechte Allmachtsfantasien, die auch in Stevens sexuellen Neigungen zum Ausdruck kommen. Da erscheint selbst der Name der Figur kein Zufall. Immerhin bedeutet das altgriechische Wort stephanos so viel wie „Krone“ oder „Der Gekrönte“.

Wie im Falle Agamemnons meinte es das Schicksal auch nicht gut mit Steven. Während Agamemnon den Zorn der Göttin Artemis auf sich zog, sieht sich Steven nach einiger Zeit der Gewalt Martins ausgesetzt. Martin ist der Sohn des verstorbenen Patienten. Ob es sich bei Martin wie bei Artemis um eine Gottheit handelt, sei mal dahin gestellt. Fakt ist, dass er irgendwie in der Lage ist Steven mit einem Fluch zu belegen und diesen zu kontrollieren. Was Agamemnon die Windstille, ist für Steven eine mysteriöse Krankheit, die nach und nach alle Mitglieder seiner Familie befällt und unweigerlich zum Tode führt. Der Fluch kann nur gebrochen werden, indem Steven es Agamemnon gleich tut und eines seiner Kinder opfert.

In einem absurden Finale erschießt Steven in einer Art russischen Roulettes seinen Sohn Bob. Die Götter in Form von Martin haben Gerechtigkeit erfahren und sind versöhnt. Stevens Schuld ist beglichen und der Fluch gebrochen. Der Rest der Familie lebt weiter.

An dieser Stelle endet der Film. Interessant ist jedoch auch wie die zu Grunde liegende Geschichte um Iphigenie weitergeht.

Nach langem hin und her und auf Drängen der anderen Soldaten beschließt Agamemnon seine Tochter Iphigenie zu opfern. In einer Version der Geschichte wird Iphigenie tatsächlich getötet. In einer anderen Version jedoch von der Göttin Artemis im letzten Moment gerettet und in deren Tempel gebracht, wo Iphigenie der Göttin als Priesterin dient. Nach dem Ende des Trojanischen Krieges kehrt Agamemnon nach Hause zurück. Dort wird er von seiner Ehefrau Klytaimnestra ermordet, weil er die gemeinsame Tochter Iphigenie (vermeintlich) geopfert hat. Einige Jahre später rächt Orestes, der Sohn Agamemnons und Klytaimnestras sowie der Burder Iphigenies, den Mord an seinem Vater und tötet seine Mutter Klytaimnestra. Daraufhin wird er von den drei Rachegöttinnen heimgesucht, die ihm den Verstand rauben. Um den neuerlichen Fluch zu brechen soll Orestes nach Tauris fahren und die Statue der Göttin Artemis stehlen. Orestes weiß nicht, dass seine Schwester Iphigenie, die von Artemis kurz vor der Opferung durch Agamemnon gerettet wurde, in Auris als Priesterin der Göttin und somit Beschützerin der Statue dient. In Auris muss Orestes festellen, dass es dort üblich ist alle Fremden als Opfer für Artemis zu töten. Durch einen Zufall erkennen Orestes und Iphigenie, dass sie Geschwister sind und Iphigenie hilft ihrem Bruder bei der Flucht. Durch eine Lüge gelingt Iphigenies Plan, die sich um ihren Bruder zu retten ebenfalls schuldig macht. Die Sünde Agamemnons ist somit keineswegs mit der Opferung seiner Tochter erledigt. Viel mehr hat sie eine Vielzahl an weiteren Verfehlungen und Verbrechen zur Folge, die sich zu einem schwer zu durchbrechenden Strudel der Sünde hochschaukeln.

 

Der Umgang mit Schuld und Sühne in der Realität

Was will uns „The Killing of a sacred deer“ nun also sagen? Wie eingangs bereits erwähnt geht es im Grunde um die Kernthemen Schuld und Sühne. An einer Stelle des Films sagt Martin:

Do you understand? It’s metaphorical. My example, it’s a metaphor. I mean, it’s uh… it’s symbolic.“

Es geht im Film nicht darum, ob Martin nun ein Gott oder Woodoo-Meister ist. Es geht auch nicht so sehr um die Frage wen wir als Zuschauer opfern würde.  Die Handlung des Films ist eine Metapher, die nicht direkt etwas mit unserer Alltagsrealität zu tun hat. Dennoch zeigt der Film menschliche Verhaltensmuster auf, die auch in der Realität immer wieder zu Konflikten führen. Genau wie Steven, der im Grunde kein schlechter Mensch ist, suchen wir oft die Gründe unseres Scheiterns oder die Schuld an einem Zustand bei anderen. Steven ist sich keinerlei Schuld bewusst, was ihn daran hindert Reue zu zeigen und Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.

Auf der anderen Seite haben wir Martin, der als Opfer nicht verzeihen kann und auf Gerechtigkeit pocht. Sein Gerechtigkeitsbegriff basiert im Film nicht auf den realen Gesetzbüchern sondern auf dem hebräischen Rechtssatz „Auge für Auge“, den wir aus der Tora und der Bibel kennen.

Wenn aber Schaden geschieht , so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“

(Exodus 21,23–25)

Getreu dieses Grundsatzes ist Martin aus seiner Sicht im Recht. Doch löst das Gesetz tatsächlich den eigentlichen Konflikt? Und ist alles was gesetzlich erlaubt und vorgeschrieben ist auch immer moralisch richtig? In der letzten Szene des Films wird deutlich, dass dem nicht so ist. Steven sitzt mit seiner nach dem Tod seines Sohnes verbliebenen Familie in einem Restaurant. Der Schuld ist offensichtlich beglichen, der Fluch gebrochen, das Leben geht weiter. Martin betritt den Laden und setzt sich unweit der Familie an einen Platz. Die Atmosphäre ist angespannt, den Blicken der Protagonisten ist anzusehen, dass sie Sache für sie noch nicht erledigt ist und auch in der Zukunft weitere Folgen haben wird. Eine weitere Eskalation wie sie im Fortlauf der Geschichte um Iphigenie und deren Familie erzählt wird, ist auch hier leicht vorstellbar und fast unausweichlich.

Passend dazu lohnt es sich vielleicht auch noch mal einen Blick auf die Namen der verbliebenen Protagonisten zu werfen. Als da wären der bereits mehrfach angesprochene Martin, dessen Namen quasi eine direkte Abwandlung des römischen Kriegsgottes Mars ist. Martin bedeutet so viel wie „Der Sohn des Mars“ „kriegerisch“ oder „Krieger“. Auf der anderen Seite haben wir Stevens Tochter Kim, die zu Beginn des Films Martin sehr zugewandt war und an einer romantischen Beziehung interessiert schien. Ihr Name stammt (je nach Deutung) aus dem keltischen und bedeutet so viel wie „Kriegsführerin“ oder „Herrscherin“.

Man könnte den Film demnach auch so deuten, dass der Fehler des Vaters unweigerlich Konsequenzen auf die Leben der Kinder hat. Auch wenn die Stevens Schuld durch das Opfer seines Sohnes gesühnt ist, muss Kim ihrerseits mit dem Verlust ihres Bruders leben wofür sie wiederum Martin die Schuld gibt. Hinzu kommt, dass eigentlich sie sich opfern wollte, um ihre Familie zu retten. Da sowohl Kim als auch Martin den kriegerischen Aspekt in ihrem Namen tragen sind weitere Konflikte quasi bereits angekündigt. Die einzige Möglichkeit diesen fortwährenden Kreislauf zu durchbrechen wäre ein Akt der Menschlichkeit, in dem einer der beiden seine Schuld eingesteht, Reue zeigt und der jeweils andere verzeiht. Dazu gehören immer zwei. Doch weder Steven noch Martin waren dazu bereit, was letztendlich in der unausweichlichen Katastrophe endet.

Das waren meine Gedanken zu „The Killing of a sacred deer“. Wie fandet ihr den Film und was sind eure Gedanken dazu? Schreibt es mir in die Kommentare.

Bis bald, Euer Ma-Go

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9 Kommentare zu „Interpretation: The Killing of a sacred Deer – Eine moderne griechische Tragödie

Gib deinen ab

  1. Eine weitere, interessante Parallele zu griechischen Götterstrafen: Steven und seine Frau haben dieses reichlich verstörende Sexritual, in dem sie vorgibt gelähmt/bewusstlos zu sein. Die Krankheit äußert sich später zuerst durch Lähmung. Das erinnert einerseits natürlich an die Windstille (Bewegungsunfähigkeit) aus der Sage, ist aber typisch für göttliche Strafen, die einen geheimen (oder auch offenen Wunsch) des zu Bestrafenden nehmen und ihn pervertieren, so dass er zum Alptraum wird. Siehe Midas z.B.

    The Favourite, sein erster Film, den er nicht selbst geschrieben hat, soll übrigens nicht die typisch-merkwürdig-distanzierten Lanthimos Dialoge haben. Ich bin gespannt.

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  2. Ich fand den Film zwar mega verstörend und schräg, aber besonders und dafür bin ich generell zu haben. Dein direkter Abgleich mit der, im Film erzählten Geschichte und der Mythologie ist sehr lesenswert. Hätte fast noch mal Lust, mir den Film mit dem Hintergrund erneut anzuschauen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, war das Dein erster Yorgos Lanthimos-Film ? „Dogtooth“ ist mindestens ähnlich verstörend, „The Lobster“ und „The Favourite“ waren beide fest verankert in meiner Bestenliste des jeweiligen Jahres.

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  3. Schöne Analyse bzw. Interpretation. Etwas ähnliches (wenn auch nicht annähernd so tiefes) habe ich damals auch kurz nach dem Kinostart gelesen. Das konnte aber auch nichts daran ändern, dass ich den Film bestenfalls mittelmäßig fand. Da war Dogtooth m.E. deutlich stärker. Und nun freue ich mich auf Lanthimos neuen Film 🙂

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  4. Da hast du dich ja wieder einmal richtig ins Zeug gelegt. Tolle Arbeit. Liest sich -trotz der thematischen Schwere – sehr gut. Ich habe mir den Film tatsächlich danach gekauft , weiß das Ganze nach der ersten Sichtung aber irgendwie noch nicht so richtig einzuordnen. Grad auch deshalb, weil ich vor 14 Tagen The Favorite gesehen haben, der aus meiner Sicht so völlig untypisch für Lanthimos ist. Beschwingt, bunt, herrliche Bilder, tolle Kostüme. Ich war begeistert. Es wundert mich nicht, dass hier die Oscar-Jury noch mal genauer hinsehen will. Das könnte dein Kinobesuch für 2019 werden.
    The Killing…möchte ich mir noch ein zweites Mal ansehen, um eine Urteil bzw. eine Wertung abzugeben.

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  5. Von dem Vergleich mit griechischer Mythologie habe ich tatsächlich schon mal gehört, aber trotzdem vielen Dank für deine viel ausführlicheren Erklärungen 🙂 Beim Sehen selber war mir das nicht bewusst, bzw nicht aufgefallen, obwohl der Hinweis ja schon im Titel versteckt ist. Vielleicht war ich zu faul um zu recherchieren, welche Sage oder Geschichte sich dahinter verbirgt; ich habe es erst einmal als einen unheiligen Akt interpretiert, der Folgen nach sich zieht. Aber man merkt es schon etwas an den etwas pathetischen Themen und Dialogen und der Haltung der Charaktere, die etwas überweltlich oder „drüber“ wirkt, dass die Geschichte ihren Ursprung wahrscheinlich in einer griechischen Tragödie oder ähnlich altertümlicher Erzählung hat.
    Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob sich der Familienvater seiner Schuld nicht bewusst ist – zumindest unterbewusst und ohne es zugeben zu wollen. Ansonsten würde er den Jungen wahrscheinlich gar nicht unterstützen und hätte nie diese verstörende Bindung zu ihm aufgebaut.

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  6. “ vielen Dank für deine viel ausführlicheren Erklärungen“

    Sehr gerne 🙂 wie dandest du den Film denn unabhängig von meinen Ausführungen?

    „Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob sich der Familienvater seiner Schuld nicht bewusst ist – zumindest unterbewusst und ohne es zugeben zu wollen.“

    Das hast du vermutlich sogar Recht. Dennoch wehrt er sich vehement dagegen, diese Schuld auch tatsächlich (öffentlich oder im privaten Rahmen im Gespräch mit seiner Frau) auch einzugestehen. Da er zu seinen Taten nicht steht und Verantwortung dafür übernimmt, macht er sich gewissermaßen direkt noch mal schuldig.

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