Film: Happy End (Tolle Filme, die noch älter sind als ich #23)

Hallo Filmfreunde,

heute möchte ich euch einen Film vorstellen, der wirklich besonders und ich würde sogar sagen im Hinblick auf seine Machart einzigartig ist. Die Rede ist von dem ziemlich unbekannten „Happy End“, einer tschechischen schwarzen Komödie aus dem Jahr 1967. Was es mit diesem Film auf sich hat und was ihn so besonders macht, erfahrt ihr in der folgenden Besprechung.

happy end
Quelle: imdb.com

Filmdaten:
Genre: Komödie
Mit: Vladimir Mensik
Jahr: 1967
Land: Tschechische Republik
Regie: Oldrich Lipsky
Länge: 71 min
OT: Happy End

Ich habe mir „Happy End“ im Rahmen der Filmreise Challenge angeschaut, bei der im Bereich Zeitreise eine Aufgabe lautet: Schaue einen Film der Neuen Europäischen Welle der 1960er Jahre (Aufgabe 20). Da vielleicht nicht alle wissen was sich hinter diesem filmhistorischen Begriff verbirgt, komme ich meinem Bildungsauftrag gerne nach und beginne mit einer sehr kurzen sozio-kulturellen Einordnung des Films.

Happy End“ fällt in die Zeit der Neuen Europäischen Welle der 1950er und 1960er Jahre. Während dieser Zeit bildeten sich in einigen europäischen Ländern verschiedene Strömungen heraus, die sich von den konventionellen Vorstellungen des Filmemachens lösten und „das Kino auf andere ästhetische und politische Ziele verpflichten wollte als pure Unterhaltung.“ (Lexikon der Filmbegriffe)

Die tschechoslowakische neue Welle war eine „kurze Bewegung im tschechoslowakischen Kino, die während des Prager Frühlings Mitte der 1960er Jahre einsetzt und mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag 1968 abrupt endet. Ein politisches Klima relativer Toleranz ermöglicht es einer Gruppe junger FilmemacherInnen […] Filme zu realisieren, die von großer stilistischer Unterschiedlichkeit und Experimentierfreudigkeit sind.“ (Lexikon der Filmbegriffe)

Na, da haben wir doch heute wieder was gelernt, oder? Wenn man sich nun die Handlung von „Happy End“ durchliest, klingt das zunächst nicht sonderlich experimentierfreudig oder stilistisch besonders. Im Grunde geht es um einen Mann, der seine Frau beim Fremdgehen erwischt, sie und ihren Geliebten umbringt, von der Polizei geschnappt wird und letztendlich zum Tode verurteilt wird. Dieser Plot dürfte selbst 1967 nicht neu gewesen sein. Das Besondere, Experimentelle an „Happy End“ ist, dass der Film komplett rückwärts abgespielt wird. Und damit meine ich wirklich rückwärts. Es sieht so aus als würde man den Film vom Ende aus zurückspulen und dabei zusehen. Die Figuren laufen rückwärts, kämpfen rückwärts und essen rückwärts. Nahrungsmittel werden also nicht mit der Gabel in den Mund geführt, sondern aus dem Mund auf die Gabel gewürgt. Kartoffeln werden nicht geschält, sondern die Schale auf die Kartoffel gewickelt. Körperteile werden nicht abgehackt, sondern am leblosen Körper des Opfers angebracht, das am Ende auf wundersame Weise zum Leben erwacht. Der erwischte Liebhaber wird nicht aus dem Fester gestoßen, sondern fliegt von alleine durch das offene Fenster in die Arme des Ehemanns und hilft diesem dann sogar das Zimmer aufzuräumen. Dieser Rücklauf wird von der Stimme des Protagonisten aus dem Off Kommentiert. Dies geschieht jedoch aus seiner Sicht. Der Film beginnt demnach nicht mit der Exekution durch die Guillotine. Aus seiner Sicht springt sein am Boden liegender Kopf auf den Körper und er erwacht zum Leben. Er wird natürlich nicht auf die Bahre geschnallt, sondern losgebunden und aus dem Raum geführt. Und so läuft die Geschichte rückwärts bis zu einem (aus Sicht des Erzählers) wahren Happy End.

Happy End“ ist an einigen Stellen wirklich lustig, fordert aber auf Grund seiner Machart ständiges Mitdenken des Zuschauers, da man ständig die rückwärts laufende Handlung antizipieren und in das chronologisch richtige Bild setzen muss. Das hat mir zumindest überraschend viel Spaß gemacht. Hinzu kommen ein paar wirklich bissige Gags, die in der Kombination mit absurden Gestaltung des Films zünden.

Wer also Lust hat auf eine mit 71 Minuten Laufzeit ziemlich kurze und eher experimentelle schwarze Komödie, dem sei „Happy End“ wärmstens empfohlen.

Den Film gibt es mit englischen Untertiteln im tschechischen Originalton auf Youtube zu sehen. Allerdings bin ich mir nicht sicher wie passend diese Untertitel sind. Trotzdem hier das Video:


 

Happy End“ habe ich im Rahmen der großen Filmreise-Challenge gesehen. Aufgabe 20 – Schaue einen Film der neuen europäischen Welle. Für weitere Informationen mögen Interessierte einfach auf das hübsche Banner klicken.

Filmreise-Banner1

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5 Kommentare zu „Film: Happy End (Tolle Filme, die noch älter sind als ich #23)

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  1. Ha, jetzt hatte ich einen Moment lang ein Deja Vu, aber wir hatten ja an anderer Stelle über den Film geredet… 😉

    Ich habe ihn leider immer noch nicht gesehen (eh nicht so viel in letzter Zeit) aber ich bin immer noch sehr gespannt drauf und Dein Text macht gespannter. Die tschechische Neue Welle ist immer für eine Überraschung gut.

    Gefällt 1 Person

    1. Hatte ich auch überlegt und mit meinem Kumpel Filmlichter darüber diskutiert wo der Film besser passt. So richtig entscheiden konnten wir uns nicht. Deswegen habe ich mich entschlossen, die Zeitreise erst mal abzuschließen.

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