Film: Life – Nur ein billiger „Alien“-Abklatsch?

life
© Sony Pictures

Hallo Filmfreunde,

im Rahmen der großen Filmreise Challenge habe ich nun einen relativ aktuellen Film nachgeholt, den ich eigentlich letztes Jahr unbedingt im Kino sehen wollte. Die Rede ist von Daniel Espinosas „Life“, in dem viele Kritiker und Bloggerkollegen einen einfallslosen Abklatsch des 1979er Klassikers „Alien“ sehen. Ich sehe das etwas anders und hatte großen Spaß mit dem Film. Warum erfahrt ihr in der folgenden Besprechung.

Kurzinhalt und Trailer:

Ein internationales Forscherteam untersucht auf der ISS Bodenproben vom Mars. In einer der Proben stoßen die Forscher auf eine außerirdische Lebensform, die sich in einer Art Tiefschlaf zu befinden scheint. Um die Kreatur genauer zu untersuchen, wecken die Wissenschaftler sie auf und müssen feststellen, dass das vielleicht ein Fehler war.

Na gut, wenn man das so liest und sieht, erinnert die Handlung dann doch sehr stark an Scotts „Alien“. Eine Gruppe von Menschen gerät im Weltall auf engem Raum in Kontakt mit einer außerirdischen Lebensform. Die Dinge geraten außer Kontrolle und die Kreatur metzelt einen nach dem anderen ab. So weit, so spaßig. Wie ihr vielleicht wisst, bin ich ja ein großer „Alien“-Fan und als solcher habe ich nicht erwartet, dass „Life“ an die Qualität dieses Meisterwerks herankommt. Und so viel sei direkt am Anfang gesagt: Genau das tut der Film letztendlich auch nicht.

Dennoch ist „Life“ keineswegs eine billige Kopie seines Vorbilds. Denn der Film schafft es trotz aller Ähnlichkeit zu Scotts Film ein paar coole eigene Ideen einzubringen. Da wäre zunächst einmal der Look des Films. Die Handlung findet ausschließlich auf der ISS statt. Dank ein paar Andeutungen wissen wir, das der Film in einer sehr nahen Zukunft spielt. Dementsprechend sieht die Raumstation und alles darin sehr realistisch und authentisch aus. Zumindest könnte ich mir vorstellen, dass es in ein paar Jahren oder sogar heute schon dort oben tatsächlich so aussieht. Dieser Realismus erinnert eher an aktuellere Filme wie „Gravity“ oder „Der Marsianer“ als an den eher düsteren und futuristischen „Alien“.

Auch das Alien außerirdische Wesen sieht cool aus und wird mit dem Mindestmaß an nötigen Informationen als außergewöhnlicher Organismus präsentiert, der dem Mensch aller Voraussicht nach überlegen sein dürfte. Ja, das war bei „Alien“ auch so. Trotzdem unterscheidet sich Calvin, wie die Menschen den kleinen Racker nennen, deutlich von dem allseits bekannten Xenomorph.

Was mir an „Life“ jedoch am besten gefallen hat, ist die philosophische Grundidee, die dem Film zugrunde liegt. Relativ zu Beginn des Films untersucht einer der Wissenschaftler den aufgewachten Calvin, der Kontakt zu den Objekten seiner Umwelt aufzunehmen versucht. „Seine Neugier ist größer als seine Furcht“, sagt der Wissenschaftler. Und genau das lässt sich auch auf den Menschen übertragen. Ich habe an vielen Stellen gelesen, das Verhalten der Wissenschaftler an Bord sei nicht realistisch und sogar dumm, weil sie die Gefahr im Umgang mit der unbekannten Lebensform nicht erkennen oder ignorieren. Ich glaube jedoch, dass genau das extrem realistisch ist. Die Neugier des Menschen ist größer als seine Angst. Wir fahren sehenden Auges auf den Rand der flachen Erde zu, um dahinter neue Welten zu entdecken. Wir entwickeln Technologien, die in der Lage sind unseren eigenen Planeten zu zerstören oder zumindest für uns selbst unbewohnbar zu machen. Wir bauen Schiffe, die uns ins Weltall bringen sollen, ohne zu wissen was uns dort erwartet oder ob die Reise überhaupt erfolgreich sein wird. Im Film wird beispielsweise die Challenger Katastrophe erwähnt. Tragischerweise ist diese Neugier, der Forscherdrang des Menschen letztendlich das, was zu seiner eigenen Vernichtung in Form eines von ihm selbst aufgeweckten Aliens führt.

Ebenso wurde seitens vieler Kritiker bemägelt, dass die Wissenschaftler im Film keine ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen getroffen hätten, für den Fall dass sie bei ihrer Suche auf eine bösartige und aggressive Lebensform stoßen. Im Film wird von mehreren Firewalls gesprochen, die verhindern sollen, dass eine solche Lebensform sich erstens auf der Raumstation ausbreitet und zweitens gar auf die Erde gelangt. Dass zumindest esteres nicht so gut funktioniert, dürfte bereits im Trailer offensichtlich werden. Insofern ist der angesprochene Kritikpunkt vieler Zuschauer natürlich berechtigt. Aber Hand auf’s Herz. Haben wir auf denn auf der Erde funktionierende Firewalls? Haben wir effektive Sicherheitsvorkehrungen, wenn es beispielsweise zu einem Unfall in einem Atomkraftwerk kommt? Können wir auch nur irgendetwas dagegen tun, wenn es zu einem Blowout auf einer Bohrinsel kommt und Milliarden Liter Öl ins Meer fließen? Der wissenschaftliche und technische Fortschritt hat uns Menschen das Gefühl verliehen, jede Situation kontrollieren können. Und wenn wie in der Vergangenheit schon so oft doch etwas schief gehen sollte, werden wir das schon irgendwie schaffen. Und genau dieses Denken führt in „Life“ dann zur ultimativen Katastrophe.

Die Lebensform in „Life“ erhält ihren Namen von den Kindern einer (selbstverständlich amerikanischen) Grundschule, die mittels einer Ausschreibung ausgewählt wurde, einen passenden Namen für die Kreatur zu finden. Die Kinder entscheiden sich dazu, den Außerirdischen nach ihrer Schule, der Calvin Coolidge Elementary, zu benennen. Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung hatte wer dieser Calvin Coolidge sein soll. Ein Blick in die Onlinenzyklopädie meines Vertrauens sagte mir, dass sich bei dem Burschen um den 30. Präsident der USA handelt. Ich gehe davon aus, dass sich Filmemacher etwas dabei denken, wenn sie ihrem Monster einen Namen geben. Schließlich hätte man die Lebensform den Film über (wie in Alien) auch einfach „es“ nennen oder es mit einer wissenschaftlichen Bezeichnung wie KX-15 versehen können. Als ich während der Sichtung den Namen „Calvin“ hörte, ging mein erster Gedanke eher in Richtung des Physikers William Thomson, der später unter dem Titel Baron Kelvin bekannt wurde. Ihr wisst schon: Temperatur, absoluter Nullpunkt und so weiter. Mehr wusste ich über das Wirken des Physikers allerdings auch nicht. Ein zweiter Blick in die noch geöffnete Enzyklopädie zeigt jedoch, dass Thompson wichtige Pionierarbeit im Bereich der Elektrik und Thermodynamik leistete und damit indirekt einen großen Einfluss auf die moderne Raumfahrt hat. Ironischerweise lehnte er seinerzeit die Mitgliedschaft in der königlichen Luftfahrgesellschaft mit folgenden Worten ab:

I have not the smallest molecule of faith in aerial navigation other than ballooning or of expectation of good results from any of the trials we hear of. So you will understand that I would not care to be a member of the aëronautical Society.“

Quelle: https://en.wikiquote.org/wiki/William_Thomson

Tja, irren ist menschlich… Neben seinen wissenschaftlichen Leistungen hatte Thompson auch eine Meinung zur Evolutionstheorie Darwins und dem Ursprung des Lebens auf der Erde. So war er der Meinung, dass das Leben durch einen Meteoriteneinschlag auf die Erde kam. Folglich glaubte er an außerirdisches Leben, das zufällig auf die Erde gelangte und aus dem sich in der Folge die komplette Schöpfung entwickelt hat. Eben dieses außerirdische Existenz ist es dann auch, das das irdische Leben in Form der Astronauten bedroht und größtenteils beendet.

Um die im Titel aufgeworfene Frage abschließend zu beantworten: Nein, „Life“ ist kein billiger Abklatsch des Klassikers „Alien“. Auch wenn es offensichtliche Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Filmen gibt und Scotts Werk eindeutig als Inspirationsquelle herhielt, baut „Life“ einige interessante Aspekte in seine Handlung ein, die in „Alien“ in der Form nicht vorhanden sind. Ohne erhobenen moralischen Zeigefinger behandelt Espinosa in seinem Film menschliche Verhaltensmuster im Umgang mit der eigenen Existenz. Die Neugier des Menschen lässt ihn die Angst vor den Folgen seines Handelns überwinden, was früher oder später zu einer Katastrophe führen wird. Insofern finde ich „Life“, trotz ein paar kleinerer gestalterischer Mängel auf jeden Fall sehr sehenswert.

Den Film habe ich im Rahmen der großen Filmreise Challenge gesehen. Aufgabe 23 – Schaue einen Film, der auf fremden Planeten oder im All spielt. Für weitere Informationen mögen Interessierte einfach auf das hübsche Banner klicken.

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29 Kommentare zu „Film: Life – Nur ein billiger „Alien“-Abklatsch?

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  1. Sehe ich ganz ähnlich, obwohl billiger Abklatsch bei einem 5x höheren Budget ohnehin nicht hinkommt :))
    Für mich war etwas Alien, etwas Species mit drin, aber das Ergebnis lässt sich sehen und ich fands unterhaltsam und gar nicht so abwegig (was die Firewalls anging).

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    1. Von der Seite hab ich noch gar nicht gesehen. 😀 Selbst wenn der Film ein Abklatsch wäre, wäre er ganz sicher nicht billig was die Kosten angeht. Da hast du absolut Recht 😊
      Vielleicht hätte ich besser „einfallsloser Abklatsch“ schreiben sollen? 🤔

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    1. Finde ich auch. Das Ende passt perfekt zur (von mir gesehenen) Botschaft des Films. Allerdings war die Sache mit den zwei Raumkapseln schon ein vorhersehbarer Taschenspielertrick.

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  2. „Alien“ bekommt dafür den Vorwurf ein Abklatsch von „It! The Terror from Beyond Space“ (1958) und „Planet der Vampire“ (1965) zu sein.

    Der Bava Film wäre etwas für die Reise 🙂

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  3. Hab mich damals bei „Life“ auch sehr unterhalten gefühlt und fand die Parallelen zu Alien nicht auffälliger als in jedem anderen Creature-Film der im All spielt…ich mein, wenn man ehrlich ist wird es doch immer Ähnlichkeiten geben wenn man sich 2 Filme anschaut, die dem gleichen Genre zuzuordnen sind aber es kommt doch darauf an was der Film mit den vorhandenen Genrezutaten macht und „Life“ hat meiner Meinung nach wirklich sehr viel richtig und gut gemacht 😉

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  4. Danke für den Tipp, deine Kritik erst nach der eigenen Sichtung durchzulesen. Wenn ich es vorher gewusst hätte, dann hätte ich ihn mir vermutlich nicht angeschaut.

    Letzten Endes habe ich nicht die gleiche Meinung. Was, in Anbetracht deiner Kritik, zu erwarten war. Aber das ist nicht schlimm, ich bin dankbar für die Erfahrung und kann guten Gewissens meine Kritik in den nächsten Tagen dazu veröffentlichen.

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  5. Den Film habe ich noch nicht gesehen, aber auch in den Besprechungen durchweg Vergleiche auf Alien gelesen und meistens den Hinweis, dass Alien der stärkere Film wäre. Etc. Aber ich mag deine Herangehensweise und Recherche – finds immer gut, wenn man nicht dasselbe macht wie alle anderen.;)

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    1. Vielen Dank. Alien ist wirklich besser. Aber der ja gehört auch zu meinen absoluten Lieblingen.

      Wenn du den Film irgendwann gesehen hast, würde mich deine Meinung dazu interessieren. Wie findest du „Alien“?

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      1. Ich will dich nicht enttäuschen, aber „Alien“ gehört nicht direkt zu meinen absoluten Lieblingen. Aber ich finde auch, dass es ein sehr guter Film ist. Er ist wahrscheinlich DER Genre-prägende Film, der oft kopiert wurde, aber ich empfinde die Figur von Ripley als gar nicht so feministisch und wegweisend wie sie oftmals dargestellt wurde. Sie ist tough, aber ich habe das Gefühl, dass ich auch für einen Hauch Fanservice herhalten musste im ersten Teil und das führt alle Bemühungen wieder ad absurdum. Soweit ich weiß ist das aber dem Studio geschuldet, dass sich mit einer Frau als Protagonistin schwer tat. Und ich finde es ziemlich frech, dass sie das Franchise so aufweichen und ausschlachten. Covenant habe ich schon gar nicht mehr geschaut…. du?

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        1. Keine Sorge, so leicht kann man mich nicht enttäuschen 😁
          Covenant habe ich gesehen und fand ihn besser als die meisten. Allerdings habe ich die offensichtlichen Mängel ausgeblendet. Das Problem ist, dass Scott scheinbar zu sehr auf Forderungen der „Fans“ eingegangen, die der Meinung waren in „Prometheus“ wäre zu wenig „Alien“ drin gewesen.

          Covenant versucht dann Scotts eigentliche Idee (die ich extem spannend und interessant finde) mit Alien-Slasher Elementen zu kombinieren. Das funktioniert leider nicht ganz so gut.

          Ich glaube, dass die Prometheus – Covenant – ? – Reihe etwas Großes hätte werden können, wenn sie nur etwas mit EINEM Alien zu tun hätte statt mit DEM Alien.

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  6. Sehr schöne, ausführliche Kritik. Ich habe ALIEN (leider immer noch) nicht gesehen und kann daher nicht einschätzen inwiefern hier „geklaut“ wurde oder nicht. Ist aber vielleicht auch ganz spannend, wenn man den Film ohne die entsprechenden Referenzen ansieht. Mir hat besonders das Ende wahnsinnig gut gefallen, auch wenn es kein Happy End ist.

    Hier meine Gedanken zum Film: http://adoringaudience.de/life-2017/

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  7. Ich liebe „Alien“ und habe „Life“ damals im Kino gesehen. Finde ebenfalls, dass er kein billiger Abklatsch ist, da die Entdeckung einer fremden Spezies für die Menschen bereits immer ein spannendes Thema im Kino war und „Life“ einige neue Ideen mit einbringt, wie du es ja auch geschrieben hast. Finde deinen philosophischen Ansatz denFilm zu betrachten sehr interessant. Insgesamt eine gelungene Kritik!

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