Film: Gifted – Über Förderung und „Kindsein“ lassen

© Fox Searchlight

Hallo Filmfreunde,

es ist mal wieder Zeit für eine Runde „Kinotratsch“. Heute geht es um den sehr sehenswerten Film „Gifted“ von Marc Webb, den ich schon vor einigen Tagen im Kino gesehen habe. Darin geht es um ein hochbegabtes Kind und dessen sorgeberechtigten Onkel, der versucht den schwierigen Spagat zwischen Förderung und „Kindseinlassen“ der Kleinen zu meistern. Ein Problem, vor dem heute wohl viele Eltern (oder vielleicht besser deren Kinder) stehen.

 

In „Gifted“ spielt Chris Evans die Rolle des Frank Adlers, ein Mann der sich väterlich um seine Nichte Mary (McKenna Grace) kümmert, nachdem sich deren ebenfalls hochbegabte Mutter das Leben nahm. Marys Vater verschwand schon während der Schwangerschaft von der Bildfläche. Frank weiß um die Besonderheit seiner Nichte, versucht ihr jedoch eine „normale“ Kindheit fei von Leistungsdruck zu ermöglichen. Als Mary jedoch eingeschult wird, zeigt sich sehr schnell, dass das Mädchen seinen Klassenkameraden (und seiner Lehrerin) kongitiv haushoch überlegen ist und auch in ihrer geistigen Entwicklung schon ein ganzes Stück weiter ist.

Marys Lehrerin (Jenny Slate) bemüht sich sehr, den Fähigkeiten ihrer euen Schülerin gerecht zu werden und gibt ihr in Arbeitsphasen Aufgaben aus der Mittel- und Oberstufe, die Mary dann eifrig bearbeitet. Nicht nur bei Kindern wie Mary ist es eine enorme Herausforderung für die Schule allen Kindern und deren Fähigkeiten gerecht zu werden. Das gilt natürlich sowohl für die besonders starken als auch für die besonders schwachen Schüler. Auf der einen Seite stehen beispielsweise Kinder, die schon recht ordentlich lesen und schreiben können. Auf der anderen Seite solche, die noch nie einen Stift in der Hand gehalten haben. In Marys Fall handelt es sich um einen Extremfall, da ihre Begabung und Fähigkeiten, vor allem im mathematischen Bereich, selbst die der meisten Erwachsenen bereits weit überschreiten. Es stellt sich die Frage, ob ein solches Kind auf einer „normalen“ Schule richtig aufgehoben ist. Marys Schulleiterin schlägt Frank daher vor, das Kind auf eine Schule für Hochbegabte Kinder zu schicken, auf der besser auf Marys Fähigkeiten eingegangen werden kann. Frank ist strikt dagegen, da er möchte, dass seine Nichte soziale und emotionale Erfahrungen mit gleichaltrigen, „normalen“ Kindern macht und nicht als „anders“ abgestempelt und auf eine spezielle Schule geschickt wird.

Frank befürchtet, dass es Mary wie ihrer Mutter ergehen könnte, die ohne soziale Kontakte sich nur der Wissenschaft verschrieb und in Folge der Einsamkeit Depressionen entwicklete, die sie letztendlich den Freitod trieben. Wie der Zuschauer im Lauf des Films erfährt, war und ist das Verhältnis von Franks Mutter Evelyn zu ihren Kindern sehr schwierig und emotional unterkühlt. So sah es ihre Erziehung vor, ihre eigenen Kinder bestmöglich zu förden, geistige Höchstleistungen zu fordern und soziale Ablenkungen zu eliminieren. Evelyn ist der Meinung, dass Menschen mit Marys Fähigkeiten eine Verantwortung gegenüber der Menschheit tragen und dieser gerecht werden müssen. Sie wirft Frank vor, der kleinen Mary das Abrufen ihres Potentials zu verweigern und damit seinem Erziehungsauftrag nicht nachzukommen. Daher beschließt Evelyn als Marys Großmutter ihrerseits das Sorgerecht für Mary zu beantragen.

Hier verliert der Film dann ein wenig seinen Fokus, da es plötzlich weniger um Mary geht, als viel mehr um den Streit der beiden Erwachsenen, die damit verbundene Gerichtsverhandlung und die dunkle Familiengeschichte um Marys Mutter. Doch im Grunde geht es eigentlich um das Spannungsfeld zwischen Förderung und Kindseinlassen. Auf der einen Seite steht Evelyn, die meiner Meinung nach schon Recht hat, wenn sie sagt, dass Eltern ihren Kindern Anreize und Möglichkeiten zur geistigen Entwicklung schaffen sollten. Auf der anderen Seite halte ich es auch für fragwürdig, ob man von einer gesunden Entwicklung sprechen kann, wenn Kindern neben Klavierunterricht, Entdeckertagen, Tennisstunden, Ballett und Fremdsprachenunterricht keine Zeit mehr zum Spielen und Toben mehr haben. Leider kommt Marys Perspektive im Film hierbei etwas zu kurz. Es wird zwar durchaus gezeigt, dass sich das Mädchen langweilt und mit dem Stoff der Grundschule massiv unterfordert ist. Auch wird sehr deutlich, dass Mary nur wenig Interesse am Umgang mit Kindern hat, gleichzeitig aber auch immer wieder Momente kindlicher Neugier und Verspieltheit aufzeigt. Hier wäre jedoch noch deutlich mehr möglich gewesen.

Nun könnte man sagen, dass der Film letztendlich nur konsequent ist, wenn er die Geschichte primär aus der Sicht der Erwachsenen erzählt. Immerhin drängt sich manchmal der Eindruck auf, dass auch im Alltag viele Eltern, bei allem zweifellos guten Willen, ihre Kinder als Menschen aus dem Blick verlieren. Kognitive Förderung ist ohne Frage ein wichtige Voraussetzung, um später eine erfolgreiche Schul- und Berufslaufbahn einzuschlagen. Allerdings ist die sozial-emotionale Entwicklung mindestens genauso wichtig, wird aber leider mittlerweile oft vergessen. Auf den Hinweis der Schulleitung, die Schule könne Mary ihren Fähigkeiten entsprechend nicht angemessen fördern, entgegnet Frank nicht ganz unpassend: „Dann verblöden Sie sie eben zu einem gesunden, anstädigen Menschen.“

 

Wie seht ihr das? Habt ihr eigene Kinder/Nichten oder euer Bekanntenkreis? Und wenn ja, wie steht ihr zum Thema frühkindliche Förderung? Gibt es eurer Meinung nach Grenzen oder Dinge, die man Kindern auf jeden Fall lernen lassen sollte? Ich bin auf eure Meinungen und Beiträge gespannt.

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7 Antworten zu “Film: Gifted – Über Förderung und „Kindsein“ lassen

  1. Pingback: Algerier ersticht Frau und vierjähriges Kind | inge09

  2. Ein heikles Thema … Heutzutage gibt es ja viele verschiedene Fördermöglichkeiten für Kinder, die entweder über oder unter den Durchschnitt fallen. Das ist eigentlich eine tolle Chance. Aber während bei minderbegabten Kindern (darf man das so sagen? Oder ist das fies?) klar ist, dass sie Hilfe und Unterstützung brauchen, ist das bei hochbegabten Kindern schwierig zu beurteilen. Ich denke, das ist schon wichtig, dass sie Kind sein dürfen und möglichst normal aufwachsen. Meiner Meinung nach müssen Kinder das auch mal aushalten, dass sie sich langweilen – als ich klein war, waren das die Momente, wo meine Freundinnen und ich am kreativsten waren.

    Ich selbst bin zumindest bei Sprachen eher überdurchschnittlich begabt und auch in Mathe war ich gut, außerdem musikalisch und künstlerisch ein bisschen begabt. Trotzdem war ich auf einem stinknormalen Gymnasium mit ganz normalen Leuten. Ich hatte das Glück, dass ich eine ebenfalls aus einem mehrsprachigen Haushalt (Deutsch und Englisch) stammende beste Freundin bis zu meinem 11./12. Lebensjahr hatte und wir meine französische Verwandtschaft in den Schulferien immer besuchen fuhren – so konnte ich meine Sprachbegabung ganz natürlich ausleben, ohne eine Sonderbehandlung zu erfahren. Das wäre mir peinlich gewesen.

    Zugegeben, im Englisch- und Französisch-Unterricht habe ich mich oft ziemlich gelangweilt. Da hätte es mir vielleicht ganz gut getan, wenn ich da kleine Extra-Aufgaben bekommen hätte. Auf der anderen Seite, das kann man vielleicht machen, wenn man ohnehin beliebt und geachtet ist, dass man eine Sonderbehandlung bekommt, ohne zum Außenseiter und Everybody’s Dummdödel wird. Ich hatte einen Ruf als Heulsuse, Sportniete und Kindskopf weg, das hätte meine Akzeptanz nicht verbessert, wenn ich auch noch als Streberin dagestanden hätte.

    Vielleicht sollte man da einfach abwarten, bis das Kind von sich aus nach Spezialaufgaben fragt und den Wunsch nach mehr Förderung äußert. Ich hab mir meine Herausforderungen dann halt immer selbst gesucht (ich lese zum Beispiel auch heute noch mit Vergnügen englische und französische Romane in der Originalfassung und liebe es, im Urlaub nach Frankreich oder letztens auch nach Dublin zu fahren, und mit den Einheimischen zu plaudern). Demnächst fange ich vielleicht auch an, Italienisch zu lernen, da habe ich irgendwie Lust zu 🙂 Und für mich war das wichtig, dass ich zu nichts gezwungen wurde. Gleichzeitig hatte ich auch Riesenglück, dass ich in einem Haushalt voller Bücher mit kulturell begeisterten Eltern aufgewachsen bin, und quasi so nebenbei, ganz natürlich, meine Begabungen ausleben konnte.

    Wenn man als Hochbegabte/r in eine Familie und einen Haushalt hineinwächst, wo nicht gern gelesen, ins Theater/Kino gegangen, gebastelt, gesungen und musiziert wird, ist es sicher noch mal was anderes. Dann ist es am besten, das Kind bekommt spezielle Förderung und hat vor allem eine Bezugsperson, mit der es seine besonderen Fähigkeiten und Gedanken teilen kann. Sonst vereinsamt man denke ich schnell, weil man sich von niemandem verstanden fühlt.

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  3. Kann zu dem Thema selber nicht viel sagen aber ich fand den Film auch wirklich sehr sehenswert und sehr berührend. Außerdem fand ich die schauspielerische Leistung von McKenna Grace sehr beeindruckend. Musste sogar einem fremden Mann neben mir ein Taschentuch reichen weil er irgendwann angefangen hat zu weinen 😉

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