Universal Monsters (9): Der Schrecken vom Amazonas – Das Ende der goldenen Monster-Ära

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Universal Monsters © Augen²

Hallo Filmfreunde,

im neunten und abschließenden Beitrag der Universal Monster Reihe geht es um „Der Schrecken vom Amazonas“ (1954). Der Film von Jack Arnold stellt gewissermaßen das Ende der goldenen Monster Ära dar, die zwischen 1930 und 1950 unzählige Filmfans faszinierte und in die Kinos lockte. Die Monster sind tot. Es leben die Monster. Denn während die klassischen Figuren in ihren Särgen und Sarkophagen verschwanden, ebnete der „Gill Man“ (Kiemenmensch) den Weg für eine neue Generation an Filmmonstern, die heute nicht weniger populär sind als ihre berühmten Vorfahren.

 

Poster

Dass sich „Der Schrecken vom Amazonas“ in einigen Aspekten von den bisherigen Filmen dieser Reihe deutlich unterscheidet und damit neue Wege im Horrorgenre bestritt, ist ziemlich offensichtlich. Während „Dracula“, „Frankenstein“ oder „Der Unsichtbare“ im alten Europa spielen, findet sich der Zuschauer zur Zeit der Erstveröffentlichung im Hier und Jetzt wieder. Die im Nebel liegenden gothischen Schlösser mit ihren quietschenden Türen sind genauso verschwunden wie die von Dracula geliebten Kinder der Nacht und die Musik, die sie machten. Monster wie der Wolfsmensch waren Teil der europäischen Folklore und zur Zeit ihres fiktiven Wirkens mysteriöse und gefürchtete Kreaturen.

Optisch sieht der „Gill Man“ aus der schwarzen Lagune aus wie eine Figur, die der legendäre Maskenbildner Jack Pierce entworfen haben könnte. Pierce selbst war übrigens 1954 gar nicht mehr bei Universal angestellt, sodass sein Nachfolger Bud Westmore für das Make-Up Design verantwortlich war. Dieser arbeitete jedoch im Gegensatz zu seinem Vorgänger nur wenig selbst und versammelte stattdessen ein sogenanntes creative team um sich herum. Darunter war auch die Zeichnerin Milicent Patrick, die den Look des Monsters entworfen und entwickelt hat. Westmore behauptete später jedoch, Patrick habe lediglich nach seinen Anweisungen gearbeitet, sodass letztendlich er die Lorbeeren erntete. Obwohl Patrick nie das Gegenteil behauptete, berichteten einige Medien über ihren Anteil am Erfolg des Films. Westmore fand das weniger lustig und sorgte dafür, dass Patrick nie wieder bei Universal engagiert wurde.

Gill Man

Auch wenn das Monster in „Der Schrecken vom Amazonas“ sich stilistisch in die Reihe seiner Vorgänger einreiht, präsentiert Jack Arnold seinem Publikum hier ein Wesen, das zwar ebenfalls aus einer anderen Zeit stammt, aber nicht mehr in die moderne, vom Menschen bestimmte und gestaltete Welt zu passen scheint. Es ist nicht die Kreatur, die die menschlichen Protagonisten heimsucht und bedroht. Es sind vielmehr die Menschen, die sich in Form einer Forschergruppe aufmachen, um den Spuren des unbekannten Wesens zu folgen und dieses zu untersuchen. Natürlich geht auch von diesem Monster eine gewisse Gefahr aus, da es den nassen Lebensraum der Lagune besser angepasst ist und sich zu wehren versucht. Allerdings hat man als Zuschauer nie den Eindruck es mit einer überlegenen oder gar übernatürlichen Kreatur zu tun zu haben. Die Zeit solcher Wesen scheint im Zeitalter der modernen Wissenschaft einfach vorbei.

Je länger der Film dauert, desto mehr verliert das Monster an seiner Bedrohlichkeit. In einer Szene wirft die junge Kay (Julia Adams) unbedacht ihre Zigarette vom Boot ins Wasser. Die Kamera folgt der sinkenden Zigarette und wir sehen das Monster, das in stummer Faszination dabei zusehen muss, wie sein Lebensraum von den Eindringlingen verschmutzt wird. In der vielleicht berühmtesten Szene des Films, sehen wir wie sich das Monster ohne böse Absichten in beinahe ängstlicher Neugier der schwimmenden Kay nähert und sich zu ihrer weiblichen Schönheit hingezogen fühlt.

Der finale Konflikt resultiert letztendlich daraus, dass sich das Monster in Kay verliebt, oder sich zumindest so stark zu ihr hingezogen fühlt, dass es sie in sein Reich entführt. Dabei wird sehr deutlich, dass der Film beim Zuschauer Mitleid und Sympathie für das Monster hervorrufen möchte. Als der „Gill Man“ im Finale schwer verletzt zurück ins Wasser flüchtet, hätten die Forscher die Möglichkeit gehabt dem Monster den Todesstoß zu versetzen. Stattdessen gewährt Arnold dem Monster und damit allen Monstern der vergangenen Jahrzehnte ein würdevolles Ende, in dem er den leblosen Körper auf den Grund sinken und sein Schicksal damit offen lässt. Die Monster sind tot. Es leben die Monster.

Denn ganz so offen war das Schicksal des Monster dann doch nicht. Das ursprüngliche Drehbuch sah vor, dass die Kreatur sich in Kay verliebt, von den Männern gefangen und in der Folge mit in die Zivilisation gebracht wird. Dort fällt das Monster seinen Gefühlen für die Frau zum Opfer und wird getötet. Kommt dieser Handlungsverlauf dem geneigten Filmfan nicht bekannt vor? Wie Jack Arnold selbst zugab, erinnert diese Version des Films doch sehr an den 1933 erschienenen King Kong, in dem statt einem Fischwesen einem gigantischen Affen eben dies zugestoßen ist.

Um diese doch sehr offensichtlichen Ähnlichkeit zu vertuschen, entschied man sich bei Universal bereits vor Drehbeginn von „Der Schrecken vom Amazonas“ dazu, mindestens eine Fortsetzung zum Film zu drehen. Zwar hatte auch „Frankenstein“ mit „Frankensteins Braut“ eine Fortsetzung bekommen. Allerdings war dies eher eine Reaktion auf den unerwarteten Erfolg des Karloffs-Klassikers an den Kinokassen. Dass ein Film von Anfang explizit als Auftakt einer Reihe geplant wurde, war zur damaligen Zeit neu. Allerdings hat sich diese Idee in der Zwischenzeit zu einem mehr als salonfähigen Modell in der modernen Filmindustrie entwickelt.

Auch auf technischer Ebene ist „Der Schrecken vom Amazonas“ in so mancher Hinsicht ein bemerkenswerter Film. Universal hatte zunächst geplant den Film in 3D und Farbe zu drehen. Allerdings wurde schnell klar, dass beides dem Studio zu teuer werden würde. Also entschied man sich für den 3D-Effekt und drehte „Der Schrecken vom Amazonas“ in schwarz-weiß. Unglücklicherweise waren nur sehr wenige Kinos der damaligen Zeit auf dem technischen Stand, um die dritte Dimension qualitativ ansprechend auf die Leinwand zu bringen. Noch weniger nachvollziehbar erscheint diese Entscheidung wenn man bedenkt, dass bereits 1943 der Farbfilm „Das Phantom der Oper“ ein echter Kassenschlager wurde. Vermutlich hätte das Farbenspiel des Wasser und der Landschaft der Lagune dem Film mehr geholfen als ein technisch nicht ausgereifter 3D Effekt. Allerdings zeigt dieses Beispiel, dass das Sparen der Studios an den falschen Stellen kein exklusives Phänomen der letzten Jahre ist.

Die Schwimm- und Unterwasserszenen sind toll gefilmt und haben sicherlich zahllose Filme in der Folge inspiriert. Egal ob in Spielbergs „Der weiße Hai“, Monster-Trash wie „Lake Placid“ und „Piranhas“ oder zuletzt „The Shallows“. Überall wo die Gefahr in der Tiefe lauert sehen wir nackte Beine, die nichtsahnend im Wasser strampeln und jeden Moment das Opfer einer unsichtbaren Bedrohung werden könnten. In „Der Schrecken vom Amazonas“ wurde dazu erstmals eine tragbare dynamische Unterwasserkamera benutzt, was diese klassische Szene des Monsterfilms überhaupt erst möglich machte.

Der Schrecken vom Amazonas“ ist letztendlich der Film, der die Ära der klassischen Monsterfilme beendet. Gleichzeitig ist er aber auch einer der Filme, der den Grundstein für moderne Filmmonster legte, deren Faszination auch heute noch Filmfans aus aller Welt in die Kinos lockt. In „Der Schrecken vom Amazonas“ entspringt die Kreatur nicht mehr einer Gruft oder einem uralten Fluch. Hier wartet der Schrecken, an einem Ort, der den Menschen noch weitestgehend unbekannt ist. In diesem Fall ist der tropische Dschungel der schwarzen Lagune. Aus der Furcht vor dem Unbekannten, ziehen diese neuen Monster ihren Schrecken. Der bereits erwähnte weiße Hai kommt aus der größtenteils unerforschten Tiefe des Ozeans, Ridley Scotts „Alien“ aus dem Weltall. Jack Arnold selbst brachte 1955, nur ein Jahr nach „Der Schrecken vom Amazonas“, mit „Tarantula“ ein Monster ins Kino, das der Mensch in wissenschaftlichem Leichtsinn sogar selbst erschaffen hat.

Wohin sich das Genre des Monsterfilms in Zukunft entwickeln wird bleibt spannend. Aktuell erfreuen sich vor allem diverse Kreaturen der Filmgeschichten großer Beliebtheit und kommen als Remakes, Reboots, Sequels oder Prequels erneut in die Kinos. Egal ob Godzilla, King Kong oder das in Kürze anlaufende Universal Monster Universe. In näherer Zukunft werden uns auch die alt bekannten und beliebten Monster der Vergangenheit im Kino heimsuchen. Die Monster sind tot. Es leben die Monster.

 

Interessanter Beitrag?

Dann schaut doch auch mal die vorangegangenen Artikel der Serie an:

1. Dracula: Über Wirkung und Qualität von Filmen

2. Drácula: Ein Vergleich parallel produzierter Filme

3. Frankenstein: Ein Film als Grenzgänger

4. Die Mumie: Über die zweifelhafte Kunst der Selbstkopie

5. Der Unsichtbare: Erzählstrukturen im Wandel der Zeit

6. Frankensteins Braut – Der Fluch des miesen Sequels?

7. Der Wolfsmensch – Fanservice: Der Wunsch des Publikums?

8. Das Phantom der Oper – Remakes, ein lästiges Phänomen unserer Zeit?

Wie immer freue ich mich über den Kommentar, jedes Feedback und jeden Like.

Euer Ma-Go

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3 Antworten zu “Universal Monsters (9): Der Schrecken vom Amazonas – Das Ende der goldenen Monster-Ära

  1. Einer meiner Lieblinsgfilme. Immer wieder schön anzusehen. Die Fortsetzung war auch nicht schlecht, aber das Original ist nun mal das Original :).

    Gefällt 1 Person

    • Die beiden Fortsetzungen habe ich nicht gesehen. Ich finde das Konzept, dass das Monster durch die Menschen zu einer verlorenen Kreatur wird, die weder in die Welt der Menschen passt, noch in seine ursprünglichen Lebensraum zurückkehren kann, total spannend!

      Gefällt 2 Personen

  2. Ein würdiges Ende für die Universal Monster. Ich fand es immer spannend, dass es in diesem Film eben nicht mehr der „Normalzustand“ war, dass Weiße auftauchen, sich schnappen, was sie möchten, und wieder verschwinden. Interessant, dass das wohl weniger ein Umdenken in Bezug auf Kolonialismus und mehr die Ähnlichkeit zu King Kong, die hier zum tragen kam.

    Ich glaube mein kleines(!) Problem mit dem Film ist, genau was Du sagst, nämlich, dass so viele Filme so offensichtlich durch diesen beeinflusst waren. Dracua haben auch dutzende, wenn nicht hunderte gemacht aber da versucht jeder seinen eigenen Ton zu finden. Hier denkt man bei vielen Einstelllungen, ah, hier hat sich Spielberg inspirieren lassen oder hier hat der Typ der Anaconda gemacht hat abgekupfert. Aber da kann der Film natürlich am Wenigsten dafür.

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