Original vs. Remake (1): Ringkampf

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© UIP/Toho

Einleitung:

Remakes. Manche sagen sie seien das Schlimmste seit es Analogkäse gibt, für andere sind sie das Beste seit Erfindung des Klettverschlusses. Dann gibt es natürlich noch die Leute, die sich bei jedem Film eine eigene Meinung bilden und ihn entsprechend einordnen. Wir haben uns entschlossen in dieser Kategorie das einzig Sinnvolle zu tun: wir lassen Original und Remake gegeneinander antreten! In einem Kampf, in dem alles erlaubt ist. Schläge, Tritte, Beißen, Kratzen und projizierte Thermografie. In den Runden schauen wir uns unterschiedliche Aspekte der Filme an und vergeben entsprechend Punkte, am Ende kann es nur einen Sieger geben! Legen wir los!

Willkommen zum ersten großen Kampf dieser Saison! Und was für ein Kampf das wird, manch einer würde sagen ein „Ringkampf“. Doch sehen wir uns zuerst die Kontrahenten an: In der rechten Ecke steht der Champion, das Original aus Japan, Jahrgang 1998 mit einem Kampfgewicht von 1,2 Millionen Dollar und Trainer Hideo Nakata:

Ringu!

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In der linken Ecke steht der Herausforderer aus den USA, Jahrgang 2002 mit einem überwältigenden Kampfgewicht von 48 Millionen Dollar und Trainer Gore Verbinski:

The Ring

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Als vollständig unparteiische Ringrichter fungieren heute mein geschätzer Kollege der Filmlichter und ich. Da das Geräusch der Rundenglocke in diesem Fall onomatopoetische Verwirrung stiften könnte, verzichten wir darauf und sagen einfach: „Leeet’s get reeeaaady tooooooooo (den Rest kennt ihr und wir sparen uns die Lizenzgebühren für Michael Buffer)“.

 

Runde 1: Story und Plot

Ma-Go: In den ersten 36 Minuten hält sich Verbinskis „The Ring“ beinahe eins zu eins an die japanische Vorlage. Danach weicht der Film an einigen Stellen von der ursprünglichen Handlung ab. Das ist natürlich erlaubt, führt aber dazu, dass „The Ring“ eine über 30 Minuten längere Laufzeit hat. Und das ist leider nicht zu jedem Zeitpunkt gut. Samaras Hintergrundgeschichte unterscheidet sich deutlich von der Sadakos in „Ringu“. Auch das kann man mögen, muss man aber nicht. Insgesamt ist „The Ring“ im Vergleich zu „Ringu“ auf Grund von unnötigen Nebenhandlungen und Sequenzen für meinen Geschmack viel zu lang geraten. Punkt für das Original.

Filmlichter: Die erste halbe Stunde ist in beiden Filmen tatsächlich relativ gleich. Allerdings lässt Verbinski in seinem Remake schon in der ersten Szene keine Möglichkeit für einen Schockmoment aus, während sich das Original mehr auf eine unterschwellige Stimmung verlässt. Während das Original von dieser Exposition ausgehend eine frustrierende, hektische Schnitzeljagd startet, in der jede Minute zu zählen scheint, verliert sich das Remake im Mittelteil in allerlei überflüssigen Erzähl- und Schockmomenten. Da werden verschiedene Psychiatrien besucht, jedes Element des Videos findet eine Übereinstimmung in der Realität, ja sogar die Herkunft des Videos wird hergeleitet. Der Mystizismus des Originals scheint dem Remake etwas peinlich zu sein und weicht fast vollständig „wissenschaftlichen Erklärungen“. Das beste Element des Mittelteils, Samaras „Vater“ (Brian Cox), wird hingegen viel zu wenig benutzt. Szenen, in denen Naomi Watts‘ Charakter ein EKG Kabel hochwürgt oder die berühmt/berüchtigte CGI Pferdeszene bringen die Handlung wenig bis gar nicht voran. Wenn der Film am Ende wieder Fahrt aufnimmt ist es fast zu spät. Eindeutiger Punkt fürs Original.

 

Zwischenstand Runde 1: Original 2:0 Remake

 

Runde 2: Schauspieler und Figuren

Ma-Go: Ich mag Naomi Watts sehr. Deswegen war ich zunächst geneigt diese Runde ans Remake gehen zu lassen. Zumal ich es gut finde, dass Watts Figur Rachel etwas selbstbestimmter agiert als Reiko (Nanako Matsushima), die in „Ringu“ ihr Schicksal eher in die Hände ihres männlichen Begleiters legt. Dann fiel mir jedoch der nervige kleine Aidan (David Dorfman) ein, der mir so unsympathisch war, dass ich sehnlichst wünschte Samara käme aus dem TV gekrabbelt, um ihn den Hals umzudrehen. Sorry Leute, aber den Punkt MUSS ich an das Original geben. Gut gemacht, Aidan 🙂

 

Filmlichter: In keinem der beiden Filme gibt es einen Schauspieler, der sich eine größere Blöße geben würde, letzten Endes machen alle ihre Sache recht gut. Das Original hat der brutalen rechts-links-Kombination aus Naomi Watts und Brian Cox, der wieder einmal einen Film durch eine kleine Rolle aufwertet, nichts entgegenzusetzen. Reikos Ex-Mann Ryuji ist ein (absichtlich) recht unsympathischer Charakter. Seine Entsprechung im Remake Noah hingegen ein absoluter Langweiler. Und dann ist da noch Aidan, dessen ganze Rolle umschrieben werden könnte als „hey, ‚The Sixth Sense‘ war doch gerade erfolgreich, wir wollen auch so ’nen Jungen“. Dennoch, knapper Punkt fürs Remake.

 

Zwischenstand Runde 2: Original 3:1 Remake

 

Runde 3: Technik und Ausstattung

Ma-Go: Mir gefällt der bläulich-grüne Style, in dem „The Ring“ größtenteils gehalten ist und durch den sich das Remake visuell deutlich vom Original unterscheidet. Auf der anderen Seite mag ich den sehr dosierten Einsatz von Musik und Soundeffekten im japanischen Original. Beide Filme haben da ihre Stärken. Deshalb endet diese Runde für mich unentschieden.

Filmlichter: Hier könnte ich jetzt einfach auf das 40 mal höhere Budget von „The Ring“ verweisen und früher Feierabend machen. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. „Ringu“ unterstreicht seine bedrückende, hektische Handlung mit meist klaustrophobischen Aufnahmen, setzt seine (teilweise an John Carpenters treibende Themen erinnernde) Musik sparsam und gezielt ein. Das Remake hingegen arbeitet viel mit beweglichen Kameras, die Außenaufnahmen sind oftmals Helikopteraufnahmen, auch der Soundtrack ist weit „epischer“. All das trägt dazu bei, dass die Stimmung nie ganz die Dringlichkeit des Originals erreicht. Und, anders als mein Vorredner, hätte ich zwischendurch gern Herrn Verbinski seinen Farbeffektfilter weggenommen. 😉 Überaschender Punkt fürs Original.

 

Zwischenstand Runde 3: Original 4,5 : 1,5 Remake

 

Runde 4: Genre Taste

Ma-Go: Während „Ringu“ eher auf der Mystery-Schiene fährt, was der Kollege weiter oben treffend als „frustrierende, hektische Schnitzeljagd“ beschreibt, versucht „The Ring“ deutlich stärker eine klassische Horror-Atmosphäre mit einigen gruseligen oder ekligen Momenten zu erzeugen. Das gelingt meiner Meinung insgesamt ganz gut. Auch wenn „Ringu“ vielleicht insgesamt spannender im Hinblick auf Fortlauf und Auflösung der Geschichte ist, ist „The Ring“ auf jeden Fall der gruseligere Film von beiden. Dazu stößt der Film ein paar interessante Gedanken an. An einigen Stellen wird wie beiläufig das fragwürdige, weil sorglose Medienverhalten der Menschen gezeigt. Samaras Vater unterstellt den Journalisten, das Elend anderer in die Öffentlichkeit zu tragen und dieses wie eine Seuche zu verbreiten. In der letzten Szene fragt Aidan dann, was eigentlich mit den Menschen passiert, denen er und seine Mutter das kopierte Video zeigen. Das ist eine gute Frage. Was macht es mit Menschen, die ständig Horrormeldungen und grausame Videos vorgesetzt bekommen? Punkt für das Remake.

Filmlichter: Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass die Schockeffekte des Remakes bei mir keine Wirkung zeigen würden. Ich denke das Original tut gut daran uns Sadako nur sehr dosiert zu zeigen und niemals ihr Gesicht als „normales“ Mädchen zu enthüllen. Mit Samara bekommen wir gar ein ganzes Interview vorgesetzt, was den Charakter etwas vom Monströsen entfernt und in ein nachvollziehbareres Licht setzt. Ob man das gut oder schlecht findet, ist wohl Geschmackssache. Das Ende des Originals hat auch etwas mehr „Umpf“, wenn Reiko bereit ist ihren Vater zu opfern, um ihren Sohn zu retten. Das Remake lässt offen, wer der Nächste Empfänger des Videos wird, unterstreicht so aber die epidemische (virale) Wirkung des Videos. Ich halte beide Versionen der Geschichte für gelungene, sehenswerte Filme und werte diese Runde daher unentschieden.

 

Zwischenstand Runde 4: Original 5 : 3 Remake

 

Runde 5: Zuschauer Wertung

Laut der IMDB kommt „Ringu“ auf eine Wertung von 73, „The Ring“ auf 71. Auf Letterboxd schlägt das Original das Remake mit 70:66. Das ergibt eine addierte Zuschauerpunktzahl von 143:137. Bonuspunkt für das Original

 

Endstand: Original 6 : 3 Remake

Und damit haben wir einen doch sehr deutlichen Gewinner. Das Original heimst die doppelte Punktzahl ein und schaltet das Remake in einem blutigen, technischen KO aus. Der schlanken, stringenten Handlung hatte das in dieser Hinsicht etwas unbeweglichere Remake wenig entgegenzusetzen. Teurere Effekte sorgen eben keinesfalls für einen automatischen Sieg und eine wilde Erklärungswut tut einer mysteriösen Geschichte nicht unbedingt gut. Außerdem…. oh, Entschuldigung, das Telefon klingelt gerade…. In der Zwischenzeit erzählt uns doch, wie ihr das seht. Stimmt ihr zu? Oder findet ihr das Remake besser? Wir freuen uns natürlich über jeden Kommentar und Like.

 

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38 Antworten zu “Original vs. Remake (1): Ringkampf

  1. Oh hey, da ist es ja schon! Cool! 🙂
    Und Samara sieht nicht glücklich aus, dass sie verloren hat. Aber ein Bauchgefühl verrät mir, dass jeder der beiden Filme „Rings“ mit einem Arm auf dem Rücken vermöbeln könnte….

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  2. Hat dies auf filmlichtung rebloggt und kommentierte:
    Leute, Leute, drüben bei Ma-Gos Filmtipps prügeln sich zwei Mädels mit furchtbaren Frisuren und ich habe mitgeholfen das zu bewerten, oder so! „Ringu“ kämpft gegen „The Ring“ und egal wer verliert, Du, lieber Leser, gewinnst!

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  3. Auch wenn ich gerne noch einen Vergleich zur Romanvorlage und zum Hong-Kong-Remake gelesen hätte und natürlich persönlich gekränkt bin, nicht als dritter Ringrichter eingeladen worden zu sein (immerhin habe ich mich doch mit No Manches Frida und Fack Ju Göhte so schön ins Rennen gebracht), gefällt mir dieses Format und die Aufmachung außerordentlich gut.
    Da habe ich mir nicht zu wenig versprochen von deiner (eurer) neuen Reihe und freue mich tatsächlich auf eine neue Folge und erwarte dringend einen Vergleich zu Verblendung / The Girl with the Dragon Tattoo.

    Vollstes Lob von meiner Seite

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    • Schön, dass dir Rubrik die gefällt. Mindestens eine Folge steht schon fest und wird zu gegebenen Anlass kommen. Allgemein bin ich pro wechselnde Partner. Wenn du einen seriösen Vorschlag machst und Interesse hast (z.B. Verblendung/Dragon Tattoo) steht einer Kooperation nichts im Weg.
      Vielleicht wären wir ja dann sogar drei Ringrichter. Aber zwei bringen es wie man sieht ja auch.

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      • Achso, das war nur ein Spaß. Aber danke für das halbherzige Angebot 😛 Was das Thema angeht, lese ich lieber, was andere zu schreiben haben. Meine Meinung kenne ich ja schon ^^
        Und was heißt hier seriöser Vorschlag? Irgendwas ohne xxx am Ende nehme ich an…

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      • Das war nicht halbherzig gemeint 😀
        Ich suche wirklich Co-Autoren für einzelne Folgen.

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      • Würde ja No Manches Frida vs. Fack Ju Göhte als meine Bewerbung anhängen, aber mir fehlt dann auch die Zeit, für eine solche Verpflichtung. Und mir gefällt das, was ihr da fabriziert habt, wirklich und ernst gemeingt so gut, dass ich mich mehr darauf freue, zu lesen als mitzuwirken.

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      • Na gut. Da ich aber noch nicht mmal Fack Ju Göhte gesehen habe und nicht sicher bin, ob sich das in absehbarer Zeit ändern wird, wird es das wohl eher nicht werden. Also freue dich lieber nicht drauf 😀

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      • Den Vergleich habe ich schon selbst gemacht, keine Sorge und 1:1-Kopien wie Funny Games rentieren sich nicht so sehr für dein Format. Verblendung würde mich deine Meinung interessieren, da das (abgesehen von den 90er-Ramkes der noch früheren Filme wie Die FLiege, The Thing, Scarface, etc.) mein Lieblingsbeispiel für ein gelungenes Remake ist.

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      • Mal schauen was sich machen lässt 😀
        Ich habe da bisher nur das Remake gesehen, habe aber erfahrungsgemäß ein sehr schwieriges Verhältnis zu skandinavischen Filmen. Wäre sicher interessant. Ich merk mir das mal.

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      • 80er-Remakes sollte das heißen

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      • Ja ich würde das auf zwei Ringrichter beschränken. Bei dreien oder noch mehr wird es sehr unübersichtlich. Und ich klebe nicht an diesem Stuhl. Oh, Moment tue ich doch. Naja, aber wir haben noch andere Stühle.

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    • Hast schon recht, den Roman zumindest hätten wir erwähnen können. Und dann ist da noch die japanische Fernsehversion von ’95. Aber in den Ringe (höhö) steigen nunmal nur zwei. Und einer kommt wieder raus. Oder wir hätten TagTeam Wrestling draus machen können. Aber dann hätte der Gewinner ja vorher festgestanden. 😉

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  4. Super Idee! Sind die Film-Kriterien fest oder variabel? Mir würde noch Departed und Willi Wonka & the Chocolate Factory bzw. Charlie & the Chocolate Factory einfallen. Oder Krieg der Welten, Die Fliege, Ocean’s Eleven,…

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  6. Der einzige Horrorfilm, der mir noch richtig Angst macht. Vor dem Original fürchte ich mich aber noch mehr. Der soll ja noch schlimmer sein.

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