Universal Monsters (7): Der Wolfsmensch – Fanservice: Der Wunsch des Publikums?

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Universal Monsters © Augen²

Hallo Filmfreunde,

im siebten Teil der Universal Monster Reihe geht es um „Der Wolfmensch“ aus dem Jahr 1941, einem wie ich finde sehr guten Film, der nicht nur den modernen Mythos des Werwolfs schuf und damit Vorlage für ein ganzes Sub-Genre geworden ist. Darüber hinaus handelt es sich bei dem Film auch um die Anfänge eines Phänomens, das heute als „Fanservice“ immer wieder angeführt und besprochen wird.

Werwölfe und Vampire haben so einiges gemeinsam. Legenden von Menschen, die sich in Bestien (oftmals in Wölfe) verwandeln, sind wohl genauso alt wie die der blutsaugenden Untoten. Beide Monster finde ihren Ursprung in der europäischen Folklore und gehören heute zu den beliebtesten Kreaturen der Horror-Kultur. Somit hat Universal das Phänomen Werwolf keinesfalls erfunden. Dennoch hat „Der Wolfmensch“ den Mythos Werwolf, wie ihn Generationen von Horror-Fans seit Jahrzehnten kennen und lieben, so sehr geprägt wie kein anderes Werk zuvor. Genau genommen ist der Film für das heutige Bild des Werwolfs das, was Bram Stokers Roman „Dracula“ für das der Vampire war.

Bereits 1935 hatte sich Universal mit „Der Werwolf von London“ an einem Werwolf -Film versucht. Allerdings handelte es sich dabei um eine Art Variation des Klassikers „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ des schottischen Autors Robert Louis Stevenson. Das Monster dort hatte noch nicht so viel mit den heutigen Werwölfen gemeinsam und der Film war kein großer Erfolg. Erst im Windschatten des durch die Kassenschlager „Dracula“, „Frankenstein“ oder „Die Mumie“ neu entfachten Horror-Hypes, entschied man sich dazu, der Figur eine zweite Chance zu geben.

Universal beauftragte Curt Siodmak damit, das Drehbuch zu „Der Wolfmensch“ zu schreiben. Siodmak war zu seiner Zeit ein angesehener Drehbuch- und Science Fiction Autor, der auf Grund seiner jüdischen Abstammung aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die USA geflohen war. Siodmak hatte die Idee, die alten Mythen der Werwölfe mit dem Aufbau der griechischen Tragödie und einigen wichtigen autobiographischen Elementen zu verknüpfen.

Wie bereits erwähnt, findet man zahlreiche, sich zum Teil sehr stark voneinander unterscheidende Legenden über Menschen, die sich in Bestien verwandeln in zahlreichen alten europäischen Kulturen. Während in manchen Versionen das Verspeisen einer bestimmten Pflanze zur Verwandlung führt, ist diese in anderen das Ergebnis eines Pakts mit dem Teufel persönlich. In anderen Kulturen war der Werwolf kein Ergebnis einer Verwandlung, sondern eher ein eigenständiges dämonisches Mischwesen. Siodmak entwickelte in seinem Skript dann eine Kreatur, die im Wesentlichen der Folklore entsprang und stattete diese mit den wesentliche Eigenschaften aus, die der Zuschauer heute wie selbstverständlich mit Werwölfen assoziiert. So war beispielsweise der heute selbstverständliche Umstand, dass der Biss eines Werwolfs dessen Opfer infiziert oder den Fluch überträgt Siodmaks Idee. Auch die Tatsache, dass Werwölfe ausschließlich durch Silber getötet werden können, lässt sich auf „Der Wolfmensch“ zurückführen. Und auch das Pentagramm als Zeichen des Werwolfs hat hier seinen Ursprung.

Nachdem Siodmak seine Version des Monsters entworfen hatte, entwickelte er eine Handlung die im Kern dem Aufbau der klassischen griechischen Tragödie entsprechen sollte. Diese zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass ihre Protagonisten durch den Willen und das Handeln der Götter und damit ohne Selbstverschulden in Situationen geraten, die unausweichlich in einer unabwendbaren Katastrophe enden müssen.

Im Film geht es dementsprechend um Larry Talbot (Lon Chaney Jr.), der nach einem langen Auslandsaufenthalt nach Hause zurückkehrt, um auf seine Rolle als Gutsherr vorbereitet zu werden. Ohne eigenes Verschulden, befindet sich Larry zur falschen Zeit am falschen Ort und wird bei dem Versuch eine junge Frau zu retten von einem Werwolf gebissen und wird damit selbst zum Monster.

 

Auch wenn hier göttlichen Fügungen im Spiel sind, präsentiert sich dem Zuschauer hier, neben Frankensteins Kreatur, die wohl tragischste Figur der gesamten Monster-Reihe. Auch wenn der Zuschauer bereits in „Frankenstein“ in der Lage ist, Mitgefühl mit Frankensteins Kreatur zu entwickeln, ist es ihm in „Der Wolfsmensch“ zum ersten Mal möglich, sich mit dem Monster zu identifizieren. Durch Larrys vergebliche menschlichen Mühen seinem Schicksal zu entkommen, sich seine Menschlichkeit zu bewahren, kann sich der Horror erst richtig entfalten. Larrys Angst das zu zerstören, das er am meisten liebt, ist nachvollziehbar und auf jeden Zuschauer übertragbar.

Dass „Der Wolfmensch“ mehr als ein Monsterfilm um einen tragischen Helden ist, wird jedoch bei genauerem Hinsehen deutlich. In einer Szene erkundigt sich Larry Talbot bei seinem Vater (Claude Rains) nach der Legende des Werwolfs, worauf dieser im entgegnet:

 

Lycanthropia? It’s a variety of schizophrenia. The good and evil in every man’s soul. In this case the evil takes the shape of an animal […]

Now you ask me if I believe a man can become a wolf? Well, if you mean, can he take on the physical characteristics of an animal? No, it’s fantastic. However, I do believe that most anything can happen to a man in his own brain.“

 

Der Werwolf wird hier zu einer Metapher des Bösen, das in jedem Menschen schlummert. Im Film wird dies durch ein kleines Gedicht zusätzlich betont, das in einer an Shakespear erinnernden Redundanz an drei Stellen zitiert wird.

„Even a man who is pure at heart,and says his prayers by night, may become a wolf when the wolfbane blooms and the autumn moon is bright.“

Sogar ein Mensch von reinem Herzen kann demnach zum Tier werden, wenn die Umstände ihn dazu machen. Diese Zeilen stammen nicht aus aus dem traditionellen Volksmund (wie im Film suggeriert), sondern auch wieder aus der Feder Siodmaks. Die Worte gewinnen an Bedeutung, wenn man sich ein paar grundlegende Eckdaten aus dem Leben des Autors vor Augen führt.

Wie bereits erwähnt, war Siodmak Deutscher mit jüdischen Wurzeln. Als Jude im Dritten Reich wusste er nur zu gut, wie es war von heute auf morgen ohne selbst etwas falsch gemacht zu haben wie ein Werwolf mit einem gelben Stern gebrandmarkt zu sein. In seiner Autobiographie berichtet Siodmak von seinem Leben in Nazi-Deutschland und der daraus resultierenden Flucht nach Amerika. Dem Buch gab er den Titel „Unter Wolfsmenschen“. Damit beschreibt er seine Landsleute, die in ihrem Kern eigentlich größtenteils gute Menschen waren, sich jedoch unter dem Einfluss der politischen und gesellschaftlichen Situation der 1930er Jahre in wahrhaftige Monster verwandelten. Im Film verwandelt sich ein Werwolf dann in seine monströse Gestalt, wenn er das Mal des Werwolfs in der Hand seines nächsten Opfers sieht. Dem Trieb diesen Menschen zu töten kann er dann aus eigener Kraft nichts entgegensetzen. Ähnlich verhielten sich die Nazis, die brav in die Kirche gingen und sonst tugendhafte Menschen waren, wenn sie einen Mitbürger sahen, der den „Judenstern“ bei sich trug.

Interessanter Weise sah es Siodmaks ursprüngliches Skript nicht vor, Larry Talbots Transformation explizit zu zeigen oder thematisieren. Viel mehr sollte es unklar bleiben, ob sich die Hauptfigur tatsächlich physisch verwandelte, oder sich diese Veränderung nur einbildete. Im Film wird an einer Stelle davon gesprochen, dass Menschen, die glauben ein Werwolf zu sein, dahingehend durch eine Art Hypnose mental manipuliert worden seien. Dadurch sollte die metaphorische Ebene des Werwolfs deutlich betont werden.

Nun fand Universal diese Idee weniger gut, weil das Publikum nach den großen Erfolgen von „Frankenstein“, „Die Mumie“ oder „Der Unsichtbare“ eine gewisse Erwartung an Spezialeffekte und Make-Up Design hatte. Um diesem Wunsch zu entsprechen, wurde das Drehbuch geändert und Make-Up Guru Jack Pierce, der u.a. Frankensteins Monster entworfen hatte und im Rahmen dieser Reihe schon mehrfach erwähnt wurde, wurde ins Boot geholt. Dieser war bereits in „Der Werwolf von London“ für das Aussehen des Monsters verantwortlich. So sehr ich Pierce‘ Arbeit schätze und bewundere, so bleibt die Gestaltung des Werwolfs wohl Geschmackssache. Schaut euch den Vergleich des Werwolfs von 1935 und dem von 1941 einfach mal im Direktvergleich an. Mich persönlich erinnert Lon Chaney eher an Disney’s „Die Gummibärenbande“ als an einen furchteinflößenden Werwolf. Da gefällt mir das ursprüngliche Design wesentlich besser. Aber entscheidet selbst.

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Während in „Dracula“ noch die Verwandlung des Vampirs in seine tierische Form mehr schlecht als recht angedeutet wurde, wird Larrys Transformation in „Der Wolfmensch“ dank neuer technischer Möglichkeiten dem Zuschauer an einigen Stellen explizit gezeigt.

 

In jedem Fall sind die Effekte und Masken gut und aufwendig gemacht. Dennoch wäre dieser Fanservice meiner Meinung nach nicht nötig gewesen, da der Film genügend erzählerisches Potential, inhaltliche Tiefe und Atmosphäre gehabt hatte, um den Film auch ohne sichtbares Monster zu tragen. Die Frage wäre sicherlich, wie nach den ikonischen Monstern der vorangegangenen Filme das Publikum auf einen Horror-Film reagiert, der auf die Präsentation seines Monsters, das noch dazu vielleicht überhaupt nicht existiert, reagiert hätte. Es sei an einige kritische Stimmen erinnerte, die in jüngere Vergangenheit dem „Babadook“ beispielsweise vorwarfen, das Monster sei zu selten zu sehen und nicht gruselig genug.

Universals Fanservice ging in der Folge sogar so weit, dass Lon Chaney noch vier weitere Male in die Rolle des Larry Talbot schlüpfen musste, da das Publikum einfach nicht genug von seinem neuen Monster zu bekommen schien. Herauskamen u.a. mit „Frankenstein trifft den Wolfsmenschen“ (1943), „Frankensteins Haus“ (1944) und „Draculas Haus“ (1945) (kein Scheiß, die heißen wirklich so) die ersten „Crossover“ der Filmgeschichte, in denen die beliebten Monster, die alle eigentlich tot sein müssten, auf die absurdesten Arten und Weisen wieder aus ihren Gräbern geholt und aufeinander losgelassen wurden. Die Avengers lassen grüßen…

Ironischerweise hatte die Hauptfigur Larry in den Crossover-Sequels nur noch den Wunsch im Tod seinen Frieden zu finden. Doch genau dies blieb ihm Film um Film verwehrt. Denn obwohl das Monster wieder und wieder vernichtet wurde, wurde die Kuh der Wolf so lange abgemolken, bis wirklich nichts mehr zu holen war.

Im Grunde könnte man diese Entwicklung in den 40er Jahren als Beginn der heutigen, von vielen Filmfans kritisch gesehenen Fanservice-Kultur Hollywoods sehen. Denn egal wie man zu den modernen Franchises, Trilogien und Universen steht. Sie alle folgen ähnlichen Mustern, die man bereits in den alten Universal Klassikern und dabei vor allem am Beispiel „Der Wolfmensch“ und seinen Fortsetzungen erkennen kann. Nichtsdestotrotz ist „Der Wolfsmensch“ ein wirklich toller Film, in dem viel mehr steckt als ein klassischer Monster-Streifen. Wobei ich zu gerne eine Version gesehen hätte, die sich an das ursprüngliche Skript hat.

Interessanter Beitrag?

Dann schaut doch auch mal die vorangegangenen Artikel der Serie an:

1. Dracula: Über Wirkung und Qualität von Filmen

2. Drácula: Ein Vergleich parallel produzierter Filme

3. Frankenstein: Ein Film als Grenzgänger

4. Die Mumie: Über die zweifelhafte Kunst der Selbstkopie

5. Der Unsichtbare: Erzählstrukturen im Wandel der Zeit

6. Frankensteins Braut – Der Fluch des miesen Sequels?

Wie immer freue ich mich über den Kommentar, jedes Feedback und jeden Like.

Euer Ma-Go

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12 Antworten zu “Universal Monsters (7): Der Wolfsmensch – Fanservice: Der Wunsch des Publikums?

  1. Pingback: Beitragsreihe: Universal Monsters | Ma-Go Filmtipps

  2. Oh Mann, da Original Make Up habe ich ja noch nie gesehen! Sieht zwar einerseits aus, wie Jack Nicholson nach einer sehr wilden Nacht, andererseits immer noch viel besser als das was im Film auftaucht. Der „wohlcoiffierte Pudel-Look“ des Wolfsmenschen wäre denn auch meine größte Kritik an dem Film. Larry Talbot als sympathische Hauptfigur die größte Stärke! Das und die nebelige, gothische Atmosphäre.

    „Don Chaney jr.“ hiess eigentlich Lon, ich vermute mal da hat autocorrect einen Streich gespielt (kein Lon ohne Don) 😉

    Gefällt 1 Person

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