Filmkritik: „Nerve“

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© Studiocanal

Hallo Filmfreunde,

stellt euch vor, es gäbe eine öffentliche Plattform, auf der Menschen Videos und Bilder von sich veröffentlichen könnten, auf denen sie peinliche, asoziale oder gefährliche Dinge tun, nur um von anderen Nutzern dieser Plattform dafür Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen. Moment mal, so etwas soll es doch in diesem ominösen Internetz ja tatsächlich geben. Im Cyber-Thriller „Nerve“ wird dieses besorgniserregende Phänomen unserer Zeit behandelt und auf die Spitze getrieben. Ob der Film meiner Meinung nach eine Sichtung wert ist, erfahrt ihr hier:

Kurzinhalt und Trailer:

Auf Vees (Emma Roberts) Highschool gibt es so gut wie kein anderes Gesprächsthema mehr als die immer riskanter werdenden Challenges, die das illegale Online-Game „Nerve“ seinen Spielern stellt. Um einmal so wie ihre Freundin Sydney im Mittelpunkt zu stehen, meldet sich die eher schüchterne Vee kurzentschlossen selbst bei „Nerve“ an. Angetrieben vom Kick des Verbotenen bricht Vee mit ihrem ebenso attraktiven wie mysteriösen neuen Game-Partner Ian (Dave Franco) schnell alle Tabus: keine Challenge ist ihnen zu riskant. Über Nacht werden Vee und Ian die Sensation des immer gefährlicher werdenden Spiels! Doch als Vee herausfindet, dass ihre gesamten Social Media Accounts gehackt wurden, und versucht, aus dem Spiel wieder auszusteigen, muss sie feststellen, dass es dafür längst zu spät ist… (Quelle:Studiocanal)

 

Meine Gedanken zum Film:

Wie bespricht man am besten einen Film, der in einem Moment richtig gute Ansätze zeigt und nur kurz darauf den Zuschauer vor ungläubiger Verzweiflung die Hände über den Kopf zusammenschlagen lässt? Vielleicht indem man mit einer kurzen Hintergrundinformation einsteigt. Der Film des Regie-Duos Henry Joost und Ariel Schulman basiert nämlich auf dem 2012 erschienenen, gleichnamigen Jugendroman von Jeanne Ryan. Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich im Folgenden nicht beurteilen, in wie weit und wie gut Inhalte und andere Aspekte der Vorlage im Film umgesetzt wurden.

Prinzipiell nimmt sich der Film eines äußerst spannenden und brandaktuellen Themas an. In Zeiten, in denen Youtuber verehrt werden wie Popstars und jeder Normalo sich genötigt sieht, sein Abendessen via Facebook, Instagram und Co. mit der (digitalen) Welt zu teilen, wirkt das im Film entwickelte Science-Fiction Szenario total glaubwürdig und realitätsnah. „Nerve“ ist ein Online Spiel, bei dem sich die Teilnehmer entscheiden können, ob sie als „Watcher“ oder als „Player“ der Community beitreten wollen. Als Watcher hat man die Möglichkeit, seinen Lieblings-Players beliebige Aufgaben zu stellen, die diese dann erfüllen müssen. Für bestandene Herausforderungen erhalten die Player Likes ihrer Follower und Geld. Lehnt ein Player hingegen eine ihm gestellte Challenge ab oder versagt er bei deren Ausführung, scheidet er aus dem Spiel aus und verliert die bis dato erspielte Kohle. Nur wer am Ende am meisten Follower und Challenges bestanden hat, gewinnt bei „Nerve“ und darf alles Erspielte behalten.

Es ist erstaunlich und erschreckend, wie weit mittlerweile der mediale Geltungswahn vieler Menschen geht, die nur für ein paar Herzchen und nach oben zeigende blaue Däumchen sich und/oder andere in Gefahr bringen. Da werden Fotos von Katastrophen und Unfällen gemacht statt zu helfen, Rettungskräfte werden in ihrer Arbeit behindert, das überfällige Youtube-Video wird unter Zeitdruck schnell bei voller Fahrt auf der Autobahn gedreht und für das extravaganteste Selfie wirft man sich schon mal in lebensbedrohliche Posen. „Nerve“ treibt diesen zeitgeistigen Trend auf die Spitze, ohne dabei über das Ziel hinaus zu schießen. Zumindest größtenteils.

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Vee möchte auch zu den coolen Kids gehören. Also spielt sie Nerve © Studiocanal

Allerdings trägt der Film mit seinen jungen Hauptfiguren und Handlung ungewollt dazu bei, dass die brisante Grundthematik mehr als eine Art ärgerlicher Jugendkult daher kommt, als ein gefährlicher gesellschaftlicher Trend. Emma Roberts gibt ihr Bestes, um die von ihr gespielte blasse und fast schon stereotype Hauptfigur auch nur ansatzweise interessant zu machen. Ihre Motivation der „Nerve“-Community beizutreten ist jedoch kindisch und nicht wirklich nachvollziehbar. Generell verhalten sich alle Figuren im Film eigentlich zu keiner Zeit erwachsen und vernünftig, was dem Film leider einiges seiner Seriosität nimmt. Was übrigens Dave Franco in seiner Rolle als Ian hier abzuliefern versucht, habe ich selbst mit etwas Abstand noch nicht herausgefunden. Um seine schauspielerische Leistung hüllen wir besser den Mantel des Schweigens.

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Dave Franco guckt doof © Studiocanal

 

Wahrscheinlich zielt der Film auf eine eher jugendliche Zielgruppe, die sich mit den Problemen und Taten der Hauptfiguren besser identifizieren kann. Gerade zu Beginn des Films wirken nämlich auch Vees Challenges eher als infantile Spielereien, als für Follower tatsächlich interessante Prüfungen. So muss unsere Heldin beispielsweise tatsächlich einen (*kicher*) Jungen küssen, ein hübsches Kleid anziehen und mit besagtem Jungen auf einem Motorrad (!!!) in die Stadt fahren. Und das obwohl Mama das mit Sicherheit nicht gut finden würde. Dort lässt sich die junge Frau dann auch noch (Schreck lass nach) tätowieren.

Natürlich werden die Challenges im Laufe des Films schnell gefährlicher und aufregender, sodass der Film dann auch deutlich an Fahrt auf nimmt, ohne dabei jedoch echte Spannung aufzubauen. Dafür kann „Nerve“ dann vor allem auf visueller Ebene und mit dem Sound punkten. Die schrillen Neonfarben und Lichter, die bereits auf dem Filmplakat sehr auffällig sind, passen hervorragend zum pulsierenden Synthie-Pop/Electro Sound, der die Handlung begleitet und untermalt.

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Stylisch © Studiocanal

Leider kann das Drehbuch da nicht im Ansatz mithalten, die Logiklöcher sind teilweise so groß wie ein Datenleck bei Facebook und einzelne Wendungen Aufklärungsversuche lassen den Zuschauer mit dicken Fragezeichen auf der Stirn zurück. Wer steckt hinter „Nerve“? Wieso interessiert es offenbar keine Sau, wenn plötzlich Hunderte Teenager und junge Erwachsene maskiert durch die Straßen ziehen? Wie kann Vee ihren grandiosen Endplan schmieden, ohne die streng geheime Final-Challenge und deren Austragungsort zu kennen? Und das Finale… das ist alles? Fragen über Fragen, die zum Teil so schlecht beantwortet werden, dass sie lieber hätten offen bleiben sollen, oder eben einfach ganz ausgeklammert werden.

 

Fazit:

Nerve“ ist ein sehr stylischer Film, der sich einem bedenklichen Trend unserer modernen Gesellschaft annimmt. Auch wenn er ein realitätsnahes Science Fiction Szenario kreiert, zielt er auf Grund seiner Figuren und Handlung wohl eher auf eine jüngere Zielgruppe. Wenn diese bereit ist, über eklatante Logiklöcher hinwegzusehen, wird sie mit „Nerve“ ihren Spaß haben.

 

Habt ihr den Film gesehen oder habt es vor? Wie fandet ihr ihn oder was erwartet ihr? Wie immer freue ich mich über jeden Kommentar und Like.

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Vielen Dank!

Weitere Meinungen zum Film:

Zacksmovie (8/10)

Popcornfilme (5/10)

EyeLevel Reviews

Shalimas Filmwelten Kritik (7/10)


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20 Antworten zu “Filmkritik: „Nerve“

  1. Ich habe ihn gesehen und bin da etwas anderer Meinung, aber gut. Ich kann deine Bewertung verstehen und ja, natürlich sind wir vermutlich nicht ganz die Zielgruppe, aber dennoch hat „Nerve“ seine Stärken. Das ganze Thema soziale Netzwerke und die Energien die daraus entstehen, werden viel zu selten in Filmen behandelt. Auch deutsche Filme mit diesem oder einem ähnlichen Thema konnten beim Zuschauer punkten und das zeigt doch zumindest, dass diese Filme nicht abgelehnt werden. Viel mehr wurde es Zeit, dass es einen Film wie „Nerve“ gibt.
    Andere Ansichten hin oder her, ich finde deine Rezension sehr nachvollziehbar und gut geschrieben.

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  2. Ich sehe bei dem Film überhaupt kein „Science-Fiction Szenario“.
    Der Film spielt heute und er bietet keine futuristische Technik. Nerve könnte morgen starten und Snapchat ablösen.
    Ich fand es schade, dass der Film in letzten Drittel nicht konsquenter mit seiner eigenen Thematik ist. Das war mir zu einfach und zu wenig bedrohlich. Die Nebengeschichte mit den Hackern ist auch ziemlich unerträglich.

    Her dagegen hat natürlich ein Sci-Fi Setting, ist ein Liebesfilm und hat nichts mit Nerve gemein.

    PS: Seit wann übernimmst du einfach die Filmbeschreibung vom Verleih?

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    • In diesem Fall wusste ich nicht, wie ich den Film beschreiben soll ohne dass es den Rahmen des „Kurzinhalts“ sprengt. Deswegen habe ich dieses Mal einfach die Beschreibung kopiert. Was dir aber auch immer auffällt 🙂

      Zum Science-Fiction Szenario. Du hast natürlich was den technischen Aspekt angeht absolut Recht. Meiner Meinung geht es aber bei Science Fiction nicht nur um Technik, sondern auch darum, wohin der Umgang mit gegenwärtiger Technik führen kann. Klonen ist beispielsweise auch möglich und kann trotzdem Grundlage eines Sci-Fi Werks sein.

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      • Der Film schreit es in jeder Minuten nur so heraus, dass er von 2015 ist. Die Technik ist vorhanden, die Themen sind vorhanden, die Probleme sind vorhanden. Wenn ein Pokemon GO Spieler beim Spiel verunfallt oder jemand bei Snapchat Mutproben mitfilmt, ist das nicht Sciene Fiction.
        Nerve ist höchstens eine zugespitze Realität. Auch sonst wird der Film überall als Thriller aufgeführt, was er auch ist.

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      • Nenne es „zugespitzte Realität“, „Science Fiction“ oder „sozialkritisches Quietscheentchen“. Mir ist das Wurst 🙂

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  3. Ich überlege immer noch hin und her, ob ich den Film wirklich sehen soll (zumal mein kleines Minikino in meiner neuen Kleinstadt den nicht einmal zeigt und ich also dafür reisen müsste -.-) Irgendwie sagen alle Kritiken: Gute Ansätze, aber keine gute Umsetzung…

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  4. Ich hadere noch mit mir, weil ich genau das befürchte, was du hier schreibst. Aber gut… interessieren würde er mich trotzdem, allein weil ich Emma Roberts und Dave FRanco ja echt mag.

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  5. Zeitnaher und frischer Film im Hochtempo…über und für das Jugendgefühl. Wer da nicht mitgehen kann / will, dem wirds nicht gefallen. Ich fand ihn gut.

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  6. Ich fand ihn auch gut 🙂 Mal was anderes und so einen Film, also von der Art her, habe ich noch nicht gesehen. Who am I hatte ich nämllich auch nicht gesehen.

    Wie eben schon jemand erwähnt hat wenn das Spiel starten würde könnte es Snapchat ablösen, und ich glaube das könnte wirklich stimmen ..

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  7. Vielen Dank für die Filmkritik auf dieser Seite, die die eklatanten Schwächen klar benennt. Ich beurteile den Film allerdings noch schlechter und staune über die vielen positiven Kritiken auch an anderen Stellen! Leute, lasst euch doch nicht von abfotografierten Whats-App-Dialogen und Motoradfahrern, die ein Smartphon in der Hand halten, den Kopf benebeln! Die Grundidee ist spannend, ja, aber die schauspielerische Leistung sehr überschaubar, die Handlung oft richtig fantasielos (die letzten Challenges bestehen immer nur darin, Höhenangst zu erzeugen)! Und das Ende ist ein originell Hollywood-Schmierentheater, in dem die jungendliche Protagonistin plötzlich eine hochmoralische der Nation ins Gewissen redet und anschließend einen James-Bond-Plan perfekt umsetzt. Der naive Zuhörer lernt hier nur eines: riskante online-Reality-Gewinnspiele machen das Leben spannend und man findet seinen Märchenprinzen dabei!
    Schade, da wäre weitaus mehr drin gewesen!

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  8. Falls jemand Interesse hat, auch ich habe vor einiger Zeit eine Kritik dazu geschrieben…
    Obwohl der Film großteils stark von der Buchvorlage abweicht (und diese vorallem am Anfang besser ist) fand ich den Film eigentlich ganz gut. Ausführlicher steht es natürlich auf meinem Blog…

    https://janamitterbuchner.wordpress.com/2016/09/22/filmreview-nerve-das-spiel-ist-aus-wenn-wir-es-sagen/#more-1066

    Gefällt 1 Person

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