Universal Monsters (5): Der Unsichtbare – Erzählstrukturen im Wandel der Zeit

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Universal Monsters © Augen²

Hallo Filmfreunde,

im fünften Teil der Reihe geht es um „Der Unsichtbare“ aus dem Jahr 1933. Bei dem Film handelt es sich, wie auch schon bei „Dracula“ und „Frankenstein“, erneut um eine Romanverfilmung. Schaut man sich die bisherigen Werke dieser Reihe an, drängt sich langsam der Eindruck auf, dass es mit Hollywoods Kreativität auch in den 1930er Jahren nicht allzu weit her war. In diesem Fall lieferte H.G. Wells mit seinem Roman „The Invisible Man“ aus dem Jahr 1897 die Vorlage zu James Whales Film. Im Gegensatz zu „Dracula“ und „Frankenstein“ handelt es sich bei dem Monster hier jedoch nicht um einen lebenden Toten, sondern viel mehr um so etwas wie einen der ersten Superschurken der Filmgeschichte. Am Beispiel des Unsichtbaren lässt sich zudem ein sehr interessanter Wandel in der Erzählweise und -struktur festellen.

Invisable man

© Universal

Der Wissenschaftler Dr. Jack Griffin (Claude Rains) experimentiert im Verborgenen mit Substanzen, die Lebewesen unsichtbar machen können. Zunächst vom Forschergeist getrieben, verfällt Griffin als Nebenwirkung der Drogen zunehmend dem Wahnsinn und erkennt die Möglichkeiten seiner Unsichtbarkeit.

The drugs I took seemed to light up my brain. Suddenly I realized the power I held, the power to rule, to make the world grovel at my feet. An invisible man can rule the world. Nobody will see him come, nobody will see him go. He can hear every secret. He can rob, and rape, and kill!“

Vollkommen dem teuflischen Wahnsinn verfallen, entwickelt sich der Unsichtbare zu einem, für damalige Verhältnisse, extrem skrupellosen und mordgierigen Schurken. Fünf zum Teil unbeteiligte Menschen töten Griffin, indem er sie erwürgt, in den Tod stürzt oder ihnen, wie er es nennt, das Hirn raus prügelt. Hinzu kommt ein kompletter Passagierzug, den er zur reinen Demonstration seiner Macht entgleisen und von einer Brücke stürzen lässt. Bei diesem Unglück sterben laut Radiodurchsage weitere hunderte Menschen.

We’ll begin with a reign of terror, a few murders here and there, murders of great men, murders of little men – well, just to show we make no distinction. I might even wreck a train or two…“

Dieser von Machtgier und Habsucht hervorgerufene Wahnsinn stellt eine zum damaligen Zeitpunkt neue Dimension des Bösen dar. Dracula ist zu einem monströsen Dasein verdammt und kann sich seiner dämonischen Natur nicht erwehren. Frankensteins Kreatur ist bei genauer Betrachtung nur äußerlich ein Monster, das durch die Umstände und vor allem durch die Abkehr seines Schöpfers zu seinen Taten getrieben wird. Und selbst die Mumie handelt aus ihrer Sicht im Namen der Liebe aus verständlichen Motiven. Der Unsichtbare hingegen entscheidet sich mehr oder weniger bewusst dazu, böse zu sein und seine Mitmenschen zu terrorisieren.

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Claude Rains ist der Unsichtbare © Universal

Neben der psychopathischen Hauptfigur, die im Übrigen von Claude Rains (und vor alem dessen Stimme) hervorragend verkörpert wird, sind auch die Effekte für damalige Verhältnisse wirklich beeindruckend und können sich auch heute noch sehen lassen. Wobei natürlich bei genauerem Hinsehen schon der eine oder andere technische Fehler sichtbar wird.

Was jedoch bei „Der Unsichtbare“ exemplarisch heraussticht, ist die Art und Weise, wie dem Zuschauer die Geschichte erzählt wird und Informationen präsentiert werden. Direkt zu Beginn baut der Film sehr gut Spannung auf, indem er einen geheimnisvollen, in Verbände gewickelten Mann auftauchen lässt, der offensichtlich etwas zu verbergen versucht. Ziemlich schnell wird dem Zuschauer gezeigt, was es mit diesem Mann auf sich hat. Nämlich dass sich unter der Kleidung und den Verbänden ein unsichtbarer Mensch verbirgt. Nun stellen sich dem Zuschauer natürlich die offensichtlichen Fragen. Wie ist das möglich? Wie lange hält die Unsichtbarkeit an? Wer steckt dahinter? Und was hat der Mann vor?

In der Narratologie gibt es zwei Arten, wie dem Leser (oder hier dem Zuschauer) Aspekte der Handlung erzählt werden können. Entweder durch indirektes, sachliches erzählen (telling) oder durch direktes, dramatisches zeigen (showing). Diese Begrifflichkeiten beziehen sich in erster Linie auf geschriebene Erzählungen. Allerdings lassen sie sich auch problemlos auf das Medium Film übertragen. Während aktuelle Filme sich hauptsächlich dem zeigenden Erzählen zuwenden, in dem sie alle möglichen Szenen in Rückblenden oder ähnlichem dem Zuschauer vorkauen, verzichten ältere Filme wie eben beispielsweise „Der Unsichtbare“ vollkommen darauf und beschränken sich stattdessen auf sachliches Erzählen.

Anhand einer einfachen Szene kann man sehr schön deutlich machen, was damit gemeint ist. Nachdem das Geheimnis des vermummten Mannes gelüftet ist, kommt es zu einem Szenenwechsel und wir erfahren durch ein Gespräch zweier Kollegen, wie der mysteriöse Unsichtbare in seinen gegenwärtigen Zustand geraten ist. In diesem etwa dreiminütigen Dialog, erfährt der Zuschauer, dass Dr. Griffin, wie der Unsichtbare mit bürgerlichem Namen heißt, seit Jahren an einer Substanz forscht, die Materie verschwinden lassen kann. Aus dem Bericht der Männer erfahren wir, dass die Essenz einer ominösen Pflanze den gewünschten Erfolg letztendlich brachte. Unglücklicher Weise verändert die Einnahme dieser Substanz auch die Psyche und den Verstand eines Menschen. Allerdings scheint Griffin von diesen Nebenwirkungen nichts gewusst zu haben.

Wäre der Film in der heutigen Zeit gedreht worden, wäre die Eröffnungsszene wohl die einer Forschungsexpedition gewesen, die sich mühevoll durch den Regenwald kämpft. Am Ende der Szene würde die Gruppe auf eine leuchtende Pflanze stoßen, die mitten auf einer Lichtung wächst und nur darauf wartet von den Wissenschaftlern entdeckt und gepflückt zu werden. In der Folge würden wir den jungen Dr. Griffin gesehen, wie er beinahe besessen an seiner Formel für die Unsichtbarkeit arbeitet und dabei mehr und mehr seine sozialen Kontakte vernachlässigt und sich in seiner Arbeit verliert. Vielleicht würde er sogar auf diese Weise seine Verlobte oder Geliebte verlieren. Wir bekämen viel versprechende Ansätze zu sehen und Versuche an Haustieren, die alle misslingen.

Auf all das verzichtet der Film von 1933 jedoch und trotzdem weiß der Zuschauer nach der kurzen Szene des Dialogs zwischen Griffin und Kemp genauso viel, wie nach dem detaillierten Zeigen der von mir ausgedachten Version von 2015.

In einem zweiten Gespräch berichtet Griffin dem eingeschüchterten Kemp, der künftig als Griffins Gehilfe fungieren soll, von seinen Beobachtungen mit der Unsichtbarkeit. Auf diese Weise erfahren wir dann, wie es sich mit aufgenommener Nahrung im Körper, Kleidung, Rauch und Atemluft verhält. Alles über den rein erzählenden Dialog. Im meiner Version von 2015 gäbe es mindestens drei Szenen, in denen der Unsichtbare vor dem Spiegel steht und halbverdautes Essen in der Magengegend zu sehen ist. In einer anderen Szene würde es vielleicht zu regnen anfangen und der Unsichtbare würde in einem Schaufenster erkennen, dass er auf Grund der Wasserschicht auf seiner Haut für seine Umwelt sichtbar wird. Durch Szenen wie diese, werden Filme heute oft unnötig aufgebläht und in die Länge gezogen, obwohl dem Zuschauer eigentlich schon längst alles klar ist und es mit der Handlung weiter gehen könnte.

Durch das ausschließlich erzählende Erklären der Handlung in „Der Unsichtbare“, erhält der Zuschauer letztendlich genauso viel an benötigten Informationen und der Film schreitet in der Handlung wesentlich zielorientierter und konsequenter voran. Das Ergebnis ist ein abgerundeter, spannender Film ohne Längen und mit einer Laufzeit von gerade mal 70 Minuten. Eine Zahl, die im Hollywood der Neuzeit unvorstellbar und fast lächerlich wirkt.

Trotz ein paar technischer Fehler (man bedenke jedoch das Produktionsjahr) und inhaltlicher Ungereimtheiten (wieso hinterlässt der Unsichtbare Stiefelabdrücke im Schnee, wenn er doch eigentlich nackt sein müsste?), ist „Der Unsichtbare“ ein herausragender Film, der den Stempel „Klassiker“ auf jeden Fall verdient. Die vier Sequels, die dem Film folgten, kenne ich nicht. Allerdings bezweifle ich, dass sie an die Klasse des ersten Films auch nur annähernd heran kommen. Gleiches gilt übrigens auch für den 2000 erschienenen „Hollow Man“ von Regisseur Paul Verhoeven mit Kevin Bacon in der Hauptrolle, der allerdings nur lose auf dem 1933er Original, bzw. der Romanvorlage von H.G. Wells, beruht.

Interessant wird sein, wie das für 2018 angekündigte Remake des Klassikers umgesetzt wird. In der Hauptrolle soll dann Johnny Depp zu sehen sein. Oder, da es sich um den Unsichtbaren handelt, wohl eher NICHT zu sehen sein. Ebenso darf man gespannt sein, wie viele der von mir ausgedachten Szenen dann tatsächlich im Film zu sehen sein werden 😉

Interessanter Beitrag? Dann schaut doch auch mal die vorangegangenen Artikel der Serie an:

1. Dracula: Über Wirkung und Qualität von Filmen

2. Drácula: Ein Vergleich parallel produzierter Filme

3. Frankenstein: Ein Film als Grenzgänger

4. Die Mumie: Über die zweifelhafte Kunst der Selbstkopie

Wie immer freue ich mich über den Kommentar, jedes Feedback und jeden Like.

Euer Ma-Go

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14 Antworten zu “Universal Monsters (5): Der Unsichtbare – Erzählstrukturen im Wandel der Zeit

  1. Einer meiner Favoriten der Universal Monster Reihe. Wenn ich meckern wollen würde, dann vielleicht über das Geschrei von Una O’Connor, das etwas anstrengend werden kann.
    Die „Here we go gathering nuts in may“ z.B. zeigte wunderbar Whales Hang zu Gruselkomödie, anstatt sich rein auf den Grusel zu konzentrieren.

    Von dem Remake mit Depp habe ich noch gar nicht gehört. Ich bin gespannt. Der Unsichtbare ist meiner Meinung nach eine der Geschichten, die man perfekt in die Neuzeit transponieren könnte. In unseren Zeiten von Überwachung und Internetanonymität, fühlt sich die Geschichte, eines Mannes, bei dem durch seine Unsichtbarkeit alle sozialen Hemnisse verschwinden erschreckend aktuell an. Er müsste nicht mal wirklich unsichtbar sein. Nur „unsichtbar“.

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  2. Das soll auch neu? Das Kino ist tot, es lebe das Kino! Fragt sich nur welches… Ansonsten halte ich es eher mit zeigen, statt erzählen. Aber es gibt schon auch schöne Filme, wo genau die andere Herangehensweise toll ist.

    Gefällt 1 Person

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