Universal Monsters (4): Die Mumie – Über die zweifelhafte Kunst der Selbstkopie

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Universal Monsters © Augen²

Hallo Filmfreunde,

im vierten Teil meiner Universal Monsters Reihe geht es um den 1932 erschienenen Klassiker „Die Mumie“ von Karl Freund, in dem Boris Karloff, wie bereits zuvor in „Frankenstein“, als untotes Monsters zu sehen ist.

Viele Filmfans beklagen in letzter Zeit eine zunehmende Einfallslosigkeit in Hollywood, die in einer nicht enden wollenden Flut von Remakes, Fortsetzungen und Adaptionen diverser Vorlagen mündet. In diesen Kanon der Unzufriedenheit kann man nun einstimmen oder ihm widersprechen. Fakt ist, dass das erfolgreiche Konzept des Kopierens und Überarbeitens keineswegs ein exklusives Phänomen unserer Zeit ist, sondern bereits in den 1930er Jahren erfolgreich praktiziert wurde.

Mumie poster

© Universal

Bei den in dieser Reihe bereits besprochenen Klassikern „Dracula“ (1931) und „Frankenstein“ (1931) handelt es sich beispielsweise genauso um Romanverfilmungen wie bei den bereits Jahre zuvor veröffentlichen Stummfilmen „Der Glöckner von Notre Dame“ (1923) oder „Das Phantom der Oper“ (1925).

Umso erstaunlicher wirkt es demnach, dass einige Kritiker ausgerechnet in Freunds „Die Mumie“, einem der wenigen Horrorfilme seiner Zeit, bei dem es sich um einen eigenständigen Film und eben nicht um eine Adaption handelt, eine Art Prototyp der hollywoodschen Selbstkopie sehen.

Auch wenn „Die Mumie“ offiziell nicht auf einer literarischen Vorlage basiert, muss man doch anmerken, dass die Handlung des Films zumindest ein paar offensichtliche Gemeinsamkeiten mit einer Kurzgeschichte des „Sherlock Homes“ Autors Sir Arthur Conan Doyle mit dem Titel „The Ring of Toth“ aufweist.

Offiziell basiert der Film lose auf einer Kurzgeschichte der Autorin Nina Wilcox Putnam mit dem Titel „Cagliostro“. Darin geht es im Wesentlichen um einen Magier, der die Jahrhunderte überlebt und mit Hilfe okkulter Rituale seine verlorene Liebe wiederfinden will. Regisseur Freund mochte diese Idee und beauftragte Drehbuchautor John L. Balderston damit, ein passendes Skript dazu zu schreiben.

Die 1920er und -30er Jahre standen im Zeichen großer archäologischer Entdeckungen. So zum Beispiel auch die Öffnung der Grabkammer des Pharaos Tutankhamun 1922. Die Medien berichteten über die sensationellen Funde und über die offengelegten Riten und Mythen des alten Ägyptens. Balderston hatte zu jener Zeit als Journalist für die New York World gearbeitet und über die Entdeckung der Mumie des Tutankhamun berichtet. Von diesem Thema fasziniert schrieb er Putnams Kurzgeschichte um, versetzte die Handlung ins Land der Pharaonen und änderte den Namen der Hauptfigur von „Cagliostro“ zu „Imhotep“.

Aber in wie weit lässt sich ein Film wie „Die Mumie“, der als DER Klassiker des Mumien-Horrorfilms gesehen werden muss und eine so individuelle Entstehungsgeschichte aufweist, überhaupt als Kopie in irgendeiner Form bezeichnen? Die Antwort liegt wohl im Plot des Films:

Ein jahrhundertealter Untoter treibt sein Unwesen und hat es auf die Frau eines britischen Gentleman abgesehen, um diese für alle Ewigkeit zu seiner unsterblichen Braut zu machen.

Diese zugegebener Maßen recht grobe Zusammenfassung der Handlung lässt sich problemlos auf einen anderen Film dieser Reihe übertragen: Dracula. Bei genauerer Betrachtung lassen sich noch wesentlich mehr, zum Teil frappierende, Ähnlichkeiten zwischen den beiden Filmen feststellen. Da wäre bereits zu Beginn des Films das Stück „Schwanensee“ von Tchaikovsky, das bereits in „Dracula“ die opening credits begleitete. Hinzu kommt, dass sich sowohl der dramaturgische Ablauf, als auch ganze Sequenzen der beiden Filme sehr stark ähneln. Zum Teil wurden sogar einzelne Szenen und Einstellungen aus „Dracula“ eins zu eins in „Die Mumie“ übernommen. In einer Szene kommt es beispielsweise zur Konfrontation zwischen dem Monster (Dracula/Die Mumie) und seinem sachverständigen Widersacher (Van Helsing/Doktor Müller). Edward Van Sloan spielt sowohl van Helsing als auch Doktor Müller und hält in „Dracula“ seinem Gegner das gefürchtete Kruzifix unter die Nase, in „Die Mumie“ eine Isis-Figur mit gleicher Wirkung.

Beide Monster, sowohl Dracula als auch Imhotep, verfügen über hypnotische Kräfte, mit denen sie ihre Umwelt nach ihrem Willen manipulieren.

Doch es bestehen nicht nur Parallelen zu „Dracula“. Nachdem „Frankenstein“ zu einem großen Erfolg wurde, entschied man sich kurzerhand dazu, die Hauptrolle des Monsters erneut mit Boris Karloff zu besetzen. Ebenso holte man erneut Make-Up Mastermind Jack Pearce mit ins Boot, der Karloff bereits in „Frankenstein“ in die weltberühmte schauerliche Kreatur verwandelt hatte. Auch wenn die Maske in „Die Mumie“ möglicherweise handwerklich anspruchsvoller war als in „Frankenstein“ und Pearce auch hier wieder sehr gute Arbeit abgeliefert hat, kommt seine Gestaltung der Mumie zu keiner Sekunde an die Strahlkraft und Prägnanz des frankensteinschen Monsters heran.

kinopoisk.ru

© Universal

Hält man sich diese Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen zwischen „Die Mumie“ und seinen Vorgängerfilmen vor Augen, könnte man den Eindruck bekommen, Universal habe versucht die besten Elemente der vorangegangenen Erfolge zu kombinieren und das Ergebnis als „neuen“ Film zu recyclen. Man nehme den Plot von „Dracula“, den Hauptdarsteller und den Make-Up Designer aus „Frankenstein“, versetzt die Handlung von Europa nach Ägypten und voilà… wir erhalten „Dracustein – Der Fluch des Pharao“. Damit das Ganze nicht so auffällt bekommt das Ganze einen neuen Titel und der neue Film „Die Mumie“ ist bereit für die Kinoleinwand.

Doch selbst wenn man „Die Mumie“ als eine Art modifizierten Dracula sehen möchte, hat der Film heutiger oftmals lieblos produzierter Einheitsware von der Kinostange einiges voraus. Zunächst einmal steht außer Frage, dass „Die Mumie“ heute als DER Klassiker eines Subgenres des Horrorfilms darstellt. Seit 1932 erschienen weltweit eine Unmenge an Mumienfilmen, die sich größtenteils an Freunds berühmten Vorbild orientieren. Darunter unter anderem auch der vielleicht sogar noch bekanntere Film „Die Mumie“ von Stephen Sommers aus dem Jahr 1999 mit Brendan Fraser in der Hauptrolle.

Des weiteren unterscheidet sich Imhotep als Monster in seinem Handeln und seiner eigenen Geschichte deutlich von seinen berühmten Vorgängern. Wie bereits erwähnt haben es sowohl die Mumie als auch der Vampir-Fürst Dracula auf die Geliebte eines anderen abgesehen, um diese bis in alle Ewigkeit zu ihrer untoten Gefährtin zu machen. Während Dracula seine Mina doch eher willkürlich aussucht, handelt es sich bei Imhoteps Helen (Zita Johann) um die leibhaftige Reinkarnation seiner einst geliebten Prinzessin Anck-es-en-Amon. Im Film erfahren wir ziemlich genau, was es zu Lebzeiten mit Imhotep und der Tochter des Pharaos auf sich hatte. Dazu bedient sich der Film übrigens der für die damalige Zeit ausgesprochen untypische Technik der Rückblende. Während die meisten Filme sich dramaturgisch wie ein Theaterstück linear auf der Zeitachse bewegen, springt die Handlung in „Die Mumie“ kurz vor dem großen Finale über 3000 Jahre in die Vergangenheit, um dem Zuschauer zu zeigen, wie Imhotep zu dem Monster wurde, das er heute ist.

Imhotep (Boris Karloff) war zu Lebzeiten ein altägyptischer Tempelpriester, der lebendig mumifiziert und begraben wurde, weil er mit Hilfe okkulter Rituale seine verstorbene Geliebte, Prinzessin Anck-es-en-Amon, von den Toten zurückholen wollte. Dieser Akt der Liebe wurde jedoch als Frevel gegen die Götter verurteilt und mit dem Tod bestraft. Zudem wurde Imhotep dazu verdammt, auf ewig keine Ruhe in seinem toten Körper zu finden.

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Nachdem die Archäologen ihn versehentlich zu neuem Leben erwecken, unternimmt Imhotep einen zweiten Versuch die konservierte und ebenfalls mumifizierte Leiche seiner geliebten Prinzessin zu erwecken. Dieses Vorhaben misslingt jedoch, da es sich bei Prinzessin Anck-es-en-Amons Mumie lediglich um eine seelenlose Hülle handelt, die nicht wiederbelebt werden kann. Eher zufällig trifft Imhotep in der Folge auf die schöne Helen, in der er die Wiedergeburt der besagten Prinzessin erkennt. Sein Plan sieht vor, Helen zu töten, um die Seele der Prinzessin aus ihrer irdischen Hülle zu befreien, ihrem alten Mumienkörper zuzuführen und diesen wie ihn selbst mit der Macht der Götter zu neuen Leben zu erwecken. Diese sicherlich dunklen Absichten sind jedoch keineswegs das Handeln eines durch und durch bösen Monsters. Viel mehr zeigt sich Imhotep als eine tragische Figur, die aus Liebe sein eigenes Seelenheil auf Spiel setze, einen furchtbaren Fluch auf sich nahm und in der Hoffnung handelt, einen geliebten verstorbenen Menschen zurück zu bekommen. Dieses Motiv einer Figur, die auf Grund des Verlusts eines geliebten Menschen oder im Namen der Liebe die Grenze zwischen gut und böse überschreitet, mag in die „Die Mumie“ nicht komplett neu erfunden worden sein. Dennoch greift es der Film als einer der ersten auf und fügt damit dem Horrorgenre eine bis dahin unbekannte Komponente hinzu.

Von daher hat „Die Mumie“ trotz der zweifelsohne vorhandenen Parallelen zu anderen Filmen seiner Epoche durchaus eigene Elemente, die hervorzuheben sind und den Film zu einem Klassiker des Genres machen. Wenn man im Zusammenhang mit „Die Mumie“ dann immer noch von einer Kopie sprechen möchte, dann im Gegensatz zu vielen heutigen Produktionen doch zumindest von einem sehr gelungenen Beispiel.

 

Interessanter Beitrag? Dann schaut doch auch mal die vorangegangenen Artikel der Serie an:

1. Dracula: Über Wirkung und Qualität von Filmen

2. Drácula: Ein Vergleich parallel produzierter Filme

3. Frankenstein: Ein Film als Grenzgänger

Wie immer freue ich mich über den Kommentar, jedes Feedback und jeden Like.

Euer Ma-Go

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13 Antworten zu “Universal Monsters (4): Die Mumie – Über die zweifelhafte Kunst der Selbstkopie

  1. Pingback: Beitragsreihe: Universal Monsters | Ma-Go Filmtipps

  2. Ah schön. Wollte letztens schon fragen, wann der nächste Beitrag kommt. -> Imhotep-Fan

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  3. Hmm… also jeder klaut quasi bei jedem oder lässt sich inspirieren ;D
    Dracula habe ich inzwischen gesehen und als halb gruselig abgestempelt, da das schwarz/weiß und die nun ja ältere Technik einiges an Gruselfaktor rausgenommen haben…

    Die Mumienverfilmung habe ich nie gesehen und hatte es eigentlich auch nicht vor, da ich „Die Mumie kehrt zurück“ gesehen habe und joa… Gruselig wars zwar nicht, aber wirklich gut eben auch nicht.

    Äh und noch was meinst du mit Tutankhamun, Tutanchamun oder jemand anderes? 🙂

    Gefällt 1 Person

  4. Also ich bin auch so einer, der die Mumie deutlich lieber mag als Dracula. Ich verstehe natürlich die historische Bedeutung Draculas, kann aber ganz ehrlich mit der dort präsentierten Version des Grafen nicht viel anfangen. Die Mumie hingegen fand ich großartig! Karl Freund expressionistischer Stil kommt wunderbar zur Geltung, das Museumssetting gefällt mir, das antike Ägypten fasziniert mich eh und Boris Karloff ist mit oder ohne Maske besser als Lugosi (so, nu hab ich’s gesagt :)). Schöner Beitrag und ich freue mich auf meinen Favoriten: ‚Bride of Frankenstein‘.

    Die Parallelen zwischen dem aktuellen Marvel-Universum und den Universal Monstern ziehst Du ja auch, bin mal gespannt wer die Abbott und Costello sind mit denen sich Ironman und co in nicht allzu ferner Zukunft plagen müssen.

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    • Vielen Dank! Witzig, den Abbott und Costello Gedanken hatte ich auch schon. Auch wenn ich noch keine der Parodien gesehen habe. Eine Reihe wie damals die „Scary Movies“ könnte ich mir in den kommenden Jahren auch sehr gut vorstellen. Mit dabei: Rost-Man, Der unlustige Ulk und Captain Usbekistan…

      Würde mich natürlich auch brennend interessieren, was du zu den bisherigen Artikeln der Universal Monster Reihe zu sagen hast. Du scheinst dich ja auszukennen.
      Frankensteins Braut kommt bald. Zur Zeit arbeite ich am Unsichtbaren 🙂

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