Universal Monsters (3): Frankenstein – Ein Film als Grenzgänger

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Universal Monsters © Augen²

Hallo Filmfreunde,

im dritten Teil meiner Universal Monsters Reihe geht es nach den beiden Parallelversionen von Dracula um eine fast genauso bekannte und beliebte Figur des Horror-Genres: Frankensteins Monster.

Nach dem großen Erfolg von „Dracula“ 1931, brachte Universal noch im selben Jahr mit „Frankenstein“ die nächste Verfilmung eines beliebten Gruselromans in die Kinos. Dieses Mal diente Mary Shelleys Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ als Vorlage. In der filmischen Adaption schlüpfte der damals noch völlig unbekannte Boris Karloff in die Rolle des aus Leichenteilen zusammengesetzten Monsters und schuf damit eine der bekanntesten und prägendsten Figuren der Filmgeschichte. Im Gegensatz zu „Dracula“ halte ich „Frankenstein“ auch unter heutigen Maßstäben noch für einen tollen Film und einen der besten Filme dieser Reihe.

Frankenstein

© Universal

Frankenstein“ greift die grundlegenden Leitmotive und Ideen seiner literarischen Vorlage auf, auch wenn der Film sich in seinen Figuren und einigen wesentlichen Handlungselementen stark von der literarischen Vorlage unterscheidet. Colin Clive spielt im Film die Rolle des besessenen Wissenschaftlers Dr. Henry Frankenstein (im Roman Viktor), der durch die Entdeckung nicht weiter definierter Strahlen eine Möglichkeit entdeckt hat, tote Zellen wieder mit Leben zu füllen. Neben Clive ist außerdem auch Dwight Frye zu sehen, der den buckligen Assistenten Fritz spielt. In späteren Adaptionen wurde der bucklige Fritz dann zum buckligen Igor umgewandelt, der heute für viele Fans untrennbar mit seinem berühmten Vorgesetzten verbunden ist. Die heute fast schon stereotype Figur des buckligen und geistig zurückgebliebenen Helfers kommt übrigens im Roman gar nicht vor und wurde ausschließlich im Film eingeführt und geprägt.

Dwight Frye war außerdem bereits in „Dracula“ als geisteskranker Diener des Vampir-Grafen zu sehen und ist damit nur eine Verbindung zwischen den beiden Horrorklassikern. Neben Edward van Sloan, der in „Dracula“ den berühmten van Helsing und in „Frankenstein“ Henrys Mentor Doktor Waldman spielt, hätte Bela Lugosi nach seiner fantastischen Darbietung des Draculas auch in „Frankenstein“ die Rolle des Monsters übernehmen sollen. Obwohl bereits für die Rolle engagiert, hatte Lugosi jedoch von Beginn der Dreharbeiten an einige Vorbehalte gegen die Rolle des Monsters. Ihm missfiel die Vorstellung, eine stumme Figur zu spielen, bei der er seine charismatische Stimme nicht zum Ausdruck bringen konnte. Außerdem befürchtete er, unter der aufwendigen Maske vom Publikum nicht erkannt zu werden. Um dem entgegen zu wirken, ließ sich der eigenwillige Ungar ein entscheidendes Mitspracherecht bei der Gestaltung seines Monsters zusichern. Lugosis Version des Monsters soll nach Aussage einiger am Dreh beteiligter Personen wie eine Art Golem ausgesehen haben. Allerdings sind die ursprünglichen Aufnahmen mit Lugosi als Frankensteins Monster verschwunden.

Kurz nach Drehbeginn ersetze Universal jedoch den ursprünglichen Regisseur Robert Florey durch James Whale. Die Gründe für den Wechsel auf dem Regiestuhl sind nicht ganz klar. In jedem Fall entsprach Lugosis Version des Golem-Monsters nicht Whales Vorstellung der Kreatur und Lugosis Beteiligung am Film war Geschichte. Ob Lugosi nun gefeuert wurde oder die Rolle selbst abgegeben hatte, ist ebenfalls unklar und wird von verschiedenen Quellen unterschiedlich belegt. Fakt ist, dass die frei gewordene Rolle das Karrieresprungbrett für den damals noch vollkommen unbekannten Boris Karloff werden sollte.

Monster

© Universal Boris Karloff ist Frankensteins Monster

Karloff verleiht dem Monster nur durch seine Mimik, Gestik und Körperhaltung trotz dem ungeheuerlichen Aussehen eine gewisse kindliche Naivität, Unschuld und Unbeholfenheit, die es dem Zuschauer ermöglicht gleichzeitig Ekel und Entsetzen, aber auch Sympathie und Mitleid mit der Kreatur zu empfinden. Dass Frankensteins Monster so gut beim Publikum ankam, lag neben Karloffs grandioser Darbietung vor allem an der Meisterleistung des Maskenbildners Jack Pierce, der in akribischer Detailarbeit das Gesicht und die klobige Statur des Monsters entwarf. Zudem hatte Karloff noch die Idee, das Monster mit künstlichen Augenlidern zu versehen, die es ihm noch besser ermöglichten, Gefühle und Empfindungen ausdrücken und dem Monster gleichzeitig einen schlafwandlerischen Ausdruck zu verleihen. Bis zu vier Stunden soll Karloff jeden Tag in der Maske verbracht haben, um wie das Monster auszusehen, das wir nun seit knapp 80 Jahren kennen: Die bereits verwesende grünlich schimmernde Haut, die Narben, der quadratische Kopf, der daran erinnert, dass sich am Gehirn der Kreatur zu schaffen gemacht wurde, die hünenhafte und zugleich unförmig wirkende Gestalt und natürlich die aus dem Hals ragenden Elektroden, die darauf hinweisen, dass das Monster durch elektrische Impulse erst zum Leben erweckt werden konnte. All das hat unser Bild des Monsters bis heute bestimmt und wird es wohl auch noch für eine ganze Weile tun. Übrigens besitzen die Universal Studios noch bis 2026 die Rechte an dieser Darstellung des Monsters. Es ist kaum vorstellbar, wie viel Geld das Monster am Ende dieser Laufzeit dem Studio eingespielt haben wird.

Neben einem Monster als Publikumsliebling, zeichnet sich „Frankenstein“ vor allem dadurch aus, dass James Whale mit seinem Film sowohl ethisch-moralisch, als auch auch cineastisch an Grenzen und darüber hinaus geht. So enthält der Film im Gegensatz zu „Dracula“ einige explizite Gewaltdarstellungen und moralisch anstößige Szenen. Bereits in der ersten Szene wird Henry Frankenstein als pietätloser Leichenschänder gezeigt, der sich gemeinsam mit seinem Helfer Fritz auf dem Friedhof herumtreibt, um frische Gräber auszuheben und sich die fehlenden Teile für seine Kreatur zu besorgen. In der Folge vergreift sich der Wissenschaftler auch noch an den am Galgen baumelnden Leichen, die dem Zuschauer unkaschiert gezeigt werden.

Bereits hier wirft der Film die Frage auf, ob dem menschlichen Forschungsdrang moralische Grenzen gesetzt werden sollten. Zwar bedeutet die erfolgreiche Erschaffung eines künstlichen Menschen eine bahnbrechende Errungenschaft des menschlichen Geistes und die Aufhebung der natürlichen Grenzen zwischen Leben und Tod. Dennoch ist Frankensteins Weg dorthin von unmenschlicher Grausamkeit und Perversion gezeichnet. In einer klassischen (da oft kopierten und parodierten) Szene, in der das Monster in einem geheimen Labor von Blitz und Donner begleitet und mit Hilfe funkensprühender Maschinen zum Leben erweckt wird, lässt Whale diesen Konflikt in einen Moment der menschlichen Selbstüberschätzung münden, in dem Frankenstein ekstatisch erkennt, dass er nun wisse wie es ist sich wie Gott zu fühlen.

 

Diese Szene rief natürlich die religiösen Sittenwächter der damaligen Zeit auf den Plan, die dafür sorgten, dass diese blasphemische Szene in der Kinofassung des Films geschnitten werden musste. Frankensteins Gleichstellung mit Gott impliziert, dass die von ihm erschaffene Kreatur nicht nur lebt, sondern wie der von Gott erschaffene Mensch über ein Bewusstsein, einen Willen und im religiösen Sinne auch über eine Seele verfügt. Dass Whale seinem Monster diese Eigenschaften zuspricht, wird in einigen Szenen deutlich. So wird das Monster zum Beispiel in der „Maria-Szene“ als riesiges, neugieriges aber unbeholfenes Kleinkind gezeigt, dass die Folgen seines Handels nicht abschätzen kann. Karloff verleiht dem Monster in dieser kurzen Sequenz den Ausdruck von Neugierde, Freude und Angst. Zwar tötet das Monster das kleine Mädchen. Allerdings wird beim Betrachten der Szene sehr deutlich, dass das Monster keinesfalls böse Absichten hat und sich erst zu spät dem Ausmaß seiner Tat bewusst wird.

 

Hierbei handelt es sich um die zweite Szene, die in der Kinofassung geschnitten werden musste. Abgesehen davon, dass der Mord an einem kleinen Mädchen ein absolutes Tabu war, sollte das Monster als seelenloser Killer und eben nicht als hilflose Kreatur mit Gefühlen dargestellt werden. In der ursprünglichen Kinofassung sah der Zuschauer lediglich wie das Monster auf Maria zuläuft, bevor die Szene ausblendet. Erst später sieht man den Vater des Mädchens, wie er entsetzt den toten Körper seiner Tochter durch das Dorf trägt.

In Whales Film geht es aber um mehr als um den Horror eines untoten Monsters, das wahllos Menschen tötet. Neben der bereits besprochenen Frage nach wissenschaftlicher Verantwortung, geht es auch um die philosophische Frage, in wie weit menschliches Verhalten von der Natur vorbestimmt ist und wie weit Verhalten erlernt wird oder ein Ergebnis der äußeren Umstände gesehen werden muss. Bereits zu Beginn des Films unterläuft Fritz nämlich ein folgenschwerer Fehler. Frankenstein beauftragt seinen Helfer nämlich aus dem Goldstadt Medical College das fehlende Gehirn für seine Kreatur zu beschaffen. Durch einen Unfall schnappt sich Fritz jedoch kein „normales“ Gehirn, sondern das eines hingerichteten Mörders.

 

Dieses Detail kommt beispielsweise im Roman gar nicht vor und hätte im Hinblick auf die Handlung auch im Film problemlos ausgelassen werden können. Das Einbauen dieser Szene dient jedoch dazu, dem Monster eine gewisse Unschuld zuzusprechen. Ist das Monster für seine Taten verantwortlich? Oder ist es selbst Opfer des ihm von der Natur und seinem Schöpfer gegebenen Körpers?

Die Morde, die das Monster begeht, sind natürlich zu verurteilen. Dennoch ist es fraglich, ob sie das Ergebnis einer grundlegenden Bösartigkeit sind oder vielleicht nicht doch der Mangel an erlernter Handlungsalternativen. Das Monster tötet zunächst Fritz, der es jedoch zuvor mit seiner Fackel gequält und misshandelt hat. Auch Doktor Waldmann fällt dem Zorn der Kreatur zum Opfer. Allerdings ist er es, der gemeinsam mit Frankenstein das Monster einsperrt, nachdem dieses den offenen Sternenhimmel gesehen und seine Lage als Gefangener erkannt hat. Letztendlich tötet das Monster auch noch die kleine Maria, wobei dies wie bereits beschrieben eindeutig als Unfall gesehen werden muss.

Die Originalfassung des Drehbuchs sah zudem ein großes Finale vor, in dem das Monster seinen Schöpfer Frankenstein auch noch ermordet. Der Mensch, der sich in seiner maßlosen Selbstüberschätzung zum Gott aufschwingen wollte, wird von seiner eigenen Schöpfung gerichtet. In der vorliegenden Fassung überlebt Frankenstein jedoch den Kampf mit der Kreatur und lebt sein Leben fröhlich weiter. Ob diese Änderung das Ergebnis der Forderung eines nach Happy Ends gierenden Studios oder James Whales eigene Entscheidung war, bleibt unklar und lässt Raum für Spekulationen. Fakt ist, dass Frankenstein im Film überlebt, als Mann der an die Grenze des Möglichen und von der Gesellschaft Akzeptierten ging und in der Folge von seiner Schöpfung beinahe vernichtet wurde. Gewissermaßen lässt sich genau das auch auf den Regisseur übertragen, der mit seiner filmischen Schöpfung ebenfalls an Grenzen ging, die ihm im Falle eines Flops zwar nicht das Leben, aber zumindest die Karriere in Hollywood hätte kosten können.

Interessanter Beitrag? Dann schaut doch auch mal die vorangegangenen Artikel der Serie an:

1. Dracula: Über Wirkung und Qualität von Filmen

2. Drácula: Ein Vergleich parallel produzierter Filme

Wie immer freue ich mich über den Kommentar, jedes Feedback und jeden Like.

Euer Ma-Go

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12 Antworten zu “Universal Monsters (3): Frankenstein – Ein Film als Grenzgänger

  1. Grandioser Beitrag! Werde bei Gelegenheit noch die anderen lesen 🙂

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  2. Das merkt man sofort.

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