Universal Monsters (2): Drácula – Ein Vergleich parallel produzierter Filme

monsters3

Universal Monsters © Augen²

 

Hallo Filmfreunde,

vor kurzem startete ich eine neue Beitragsreihe mit dem Titel „Universal Monsters“, in der ich ich einige Horrorklassiker besprechen möchte (zur Übersicht). Den Auftakt machte dabei mein Artikel zum Film Dracula (1931) mit Bela Lugosi. Darin hatte ich beschrieben, warum der Film auf Grund seiner Wirkung und Vorbildfunktion auf nachfolgende Genrefilme zwar als Klassiker gesehen werden kann, insgesamt aber ein eher schwacher Film ist. Den Artikel findet ihr hier noch mal zum Nachlesen:

Universal Monsters (1): Dracula – Über Wirkung und Qualität von Filmen

 

Mit etwas Abstand habe ich mir nun die wesentlich weniger bekannte spanische Version des Films angeschaut, bei der es sich meiner Meinung nach um den deutlich besseren Film handelt.

Dracula

 

Zur Erklärung: Zur damaligen Zeit war es nicht unüblich, dass die großen Produktionsfirmen wie Universal ihre Filme auch für die spanischsprachige Bevölkerung, vor allem in den Südstaaten der USA aber natürlich auch Mexiko, interessant machen wollten. Da man mit der Synchronisation von Filmen noch wenig bis keine Erfahrung hatte, wurden also manchmal zwei Filme parallel produziert. Ein mal mit englisch und ein mal mit spanisch sprechenden Schauspielern.

Beide Versionen wurden zeitgleich an den gleichen Sets gedreht und hatten dasselbe Skript zur Grundlage. So entstand 1931 sowohl die bekannte englische Version „Dracula“ mit Bela Lugosi, aber auch eine spanische Version „Drácula“ mit Carlos Villarías in der Rolle des blutsaugenden Grafen. Leider ging die spanische Version in der Folge verschollen und wurde erst in den 1990ern wiederentdeckt, restauriert und 2004 zum ersten mal auf DVD veröffentlicht.

Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man sich die spanische Version auf jeden Fall ansehen. Alleine schon, um die beiden Versionen miteinander zu vergleichen. Denn der Film bügelt einige der genannten Schwächen des berühmten großen Bruders aus.

So hatte ich in meiner Besprechung des Lugosi-Films vor allem die bis zur Unsinnigkeit gekürzte und veränderte Handlung kritisiert. In der spanischen Version, scheinen die Macher diese Mängel selbst erkannt zu haben und bauten deshalb einige Szenen ein, um dem entgegen zu wirken. Das wird alleine schon daran deutlich, dass der Film eine mehr als halbstündige längere Laufzeit aufweist.

So wird beispielsweise zu Beginn des Films genauer erklärt, warum der arme Renfield seinen Verstand verliert und in der Folge zu Draculas Diener wird. Auch die von Dracula zum Vampir verwandelte Lucy (in der spanischen Version Lucia) verschwindet nicht einfach, sondern wird in die Handlung eingebaut und muss von van Helsing und Co. ebenfalls erst von ihrem seelenlosen Dasein erlöst werden. Außerdem wird dem Zuschauer erklärt, was es mit den ominösen Kisten auf sich hat, die Dracula mit nach London bringt.

Ein weiterer Kritikpunkt an der englischen Version war, dass die meisten der in der Romanvorlage enthaltenen Horrorelemente im Film fehlen. Auch hier gelingt es der spanischen Version zu punkten. Ein großes Plus ist hier, dass Dracula viel stärker als übermächtige Kreatur dargestellt wird, der die Gitterstäbe in Renfields Zelle verbiegen und jeden Menschen nach seinem Belieben manipulieren kann. Auch seine Fähigkeit, sich in Wölfe und Fledermäuse zu verwandeln, wird nicht nur angedeutet sondern auch besser umgesetzt. So flattert die Papierfledermaus nicht wie in der englischen Version wild durch die Gegend, sondern gleiten gekonnt aus dem Bild, bevor im nächsten Moment der Graf vor die Kamera tritt.

Da die spanische Version nicht für die breite amerikanische Masse bestimmt war, hatte der Film den Vorteil einige Aspekte mehr zu betonen als die englische Parallelproduktion, ohne dabei Gefahr zu laufen zensiert zu werden oder mit der amerikanischen Prüderie in Konflikt zu geraten. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die spanischen Schauspielerinnen freizügiger gekleidet sind und die von Universal beabsichtigte erotische Komponente, die in der englischen Version bestenfalls angedeutet wird, deutlich präsenter ist.

Auch die Darstellung von Gewalt, erfolgt hier etwas expliziter, ohne natürlich an heutige Splatter-Maßstäbe heranzureichen. Dennoch blendet die Kamera in der Szene, in der Dracula Lucy beißt, nicht aus, sondern zeigt, wie sich der Vampir über sein Opfer beugt und es unter seinem Umhang genüsslich aussaugt. Auch der Mord am unglückseligen Renfield beim großen Showdown beispielsweise wird durch Nahaufnahmen stärker betont und dessen Leiche später von van Helsing und Juan (in der englischen Version Jonathan) gefunden.

Generell ist die Kameraarbeit in „Drácula“ wesentlich besser, weil dynamischer und abwechslungsreicher als in „Dracula“. Obwohl die Sets dieselben sind, gelingt es durch Kamerafahrten, schnellere Schnitte und Nahaufnahmen mehr Spannung in den Film einzubauen. Anhand der folgenden Szenen wird deutlich, was ich damit meine. Die folgenden beiden Ausschnitte, zeigen beide die Szene, in der Renfield das Schloss des Grafen betritt und Dracula zum ersten Mal in Erscheinung tritt. Hier zunächst die englische Version mit Bela Lugosi. Achtet dabei auch auf die Fledermäuse, die hier zu dritt wild vor dem Fenster umherflattern.

 

In der folgenden spanischen Version wurde mit anderen Kameraeinstellungen gearbeitet. Dracula kommt nicht langsam die Treppe herunter stolziert, sondern steht unvermittelt vor dem erschrockenen Renfield. Die meiner Meinung noch vollkommen unsinnigen Gürteltiere wurden weggelassen und durch eine plötzlich auftauchende Fledermaus ersetzt. Im Gegensatz zur Szene aus dem englischen Film, handelt es sich hier um eine Fledermaus, die in der Dunkelheit verschwindet , kurz bevor Dracula persönlich auftaucht. Hier wird deutlich, dass es sich bei der Fledermaus um Dracula selbst handelt. Warum allerdings Carlos Villarías wie ein Clown auf Koks aus der Wäsche schaut, wird wohl sein Geheimnis bleiben…

 

Allerdings wird gerade durch die Nahaufnahmen ein Manko deutlich, dass beide Filme als Begleiterscheinung der damaligen Zeit aufweisen. Die eher bescheidene Darbietung der Darsteller.

Insgesamt zeigt „Drácula“ jedoch sehr deutlich, welche Mängel des Lugosi Films der damaligen Zeit geschuldet sind und welche einfach nur ein Ergebnis schlechter Umsetzung sind. Die eher schwachen Schauspieler, das Fehlen von Musik in vielen Szenen und die noch in den Kinderschuhen steckenden Effekte (Stichwort: Fledermäuse) findet man in beiden Versionen und können/müssen daher als Ergebnis der damaligen Umstände akzeptiert werden. Allerdings beweist „Drácula“, dass es auch damals sehr wohl möglich war, eine Geschichte sinnvoll und logisch zu erzählen, verschiedene Kameraeinstellungen zielgerichtet zu nutzen und Grenzen der gegenwärtigen Kinositten zu überschreiten.

Bei allen Vorzügen der leider in Vergessenheit geratenen spanischen Version, hat der englische Film jedoch einen großen und bedeutsamen Vorteil. Bela Lugosi. Obwohl „Drácula“ in so vielen Punkten der bessere Film ist, kann Carlos Villarías mit seiner Darstellung des berühmten Vampirs Lugosis Version zu keinem Zeitpunkt das Wasser reichen. Zu blass bleibt der spanische Dracula, der nur wenig von der Ausstrahlung Lugosis hat und sich in seiner Optik und Wirkung nur geringfügig von den anderen Figuren abheben kann.

Anstatt zwei Filme parallel zu drehen, hätte Universal besser die Kräfte gebündelt und einen Film produziert, der die sehr gute Umsetzung der spanischen Version mit der legendären Darbietung Lugosis zu einem wahren Meisterwerk kombiniert. Die vorliegenden Einzelfilme zeigen, dass dies allemal möglich gewesen wäre.

Zum Schluss noch etwas aus der Kategorie „unnützes Filmwissen“:

Lupita Tovar

Lupita Tovar, Hauptdarstellerin in der spanischen Version, ist mittlerweile 105 Jahre alt und noch immer wohl auf. Vielleicht hat die Gute ja damals am Set tatsächlich wie ihre Filmfigur Eva einen Schluck von Draculas Blut getrunken. Immerhin führte ihr Enkel Chris Weitz Regie zu „New Moon“, dem zweiten Teil der Twilight-Saga. Und da ging es ja bekanntlich auch um Vampire…

Interessanter Artikel? Dann liken, teilen und kommentieren nicht vergessen 🙂

Vielen Dank!

Im dritten Teil der Serie geht es dann um einen weiteren Klassiker: Frankenstein…

Bis bald,

Euer Ma-Go

Advertisements

10 Antworten zu “Universal Monsters (2): Drácula – Ein Vergleich parallel produzierter Filme

  1. Pingback: Beitragsreihe: Universal Monsters | Ma-Go Filmtipps

  2. Sehr interessanter Artikel und tolles Projekt! 😉 Jetzt finde ich es schon fast schade, dass ich „nur“ die US-Version hier habe…

    Ich bin schon sehr gespannt auf „Der Unsichtbare“, wahrscheinlich mein Favorit der Universal Monster. Unglaublich toller Film!

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Universal Monsters (3): Frankenstein – Ein Film als Grenzgänger | Ma-Go Filmtipps

  4. Pingback: Universal Monsters (4): Die Mumie – Über die zweifelhafte Kunst der Selbstkopie | Ma-Go Filmtipps

  5. Pingback: Universal Monsters (5): Der Unsichtbare – Erzählstrukturen im Wandel der Zeit | Ma-Go Filmtipps

  6. Pingback: Universal Monsters (6): Frankensteins Braut – Der Fluch des miesen Sequels? | Ma-Go Filmtipps

  7. Pingback: Universal Monsters (7): Der Wolfsmensch – Fanservice: Der Wunsch des Publikums? | Ma-Go Filmtipps

  8. Pingback: Universal Monsters (8): Das Phantom der Oper – Remakes, ein lästiges Phänomen unserer Zeit? | Ma-Go Filmtipps

  9. Pingback: Universal Monsters (9): Der Schrecken vom Amazonas – Das Ende der goldenen Monster-Ära | Ma-Go Filmtipps

Ja, hier darfst du gerne etwas schreiben. Trau dich! :)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s