Universal Monsters (1): Dracula – Über Wirkung und Qualität von Filmen

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Universal Monsters © Augen²

Hallo Filmfreunde,

den Auftakt meiner neuen Serie „Universal Monsters“ macht eine Figur, von der wahrscheinlich jeder schon gelesen oder gehört hat: Graf Dracula. Kaum eine Figur der Film- und Literaturgeschichte wurde über die Jahrzehnte so oft verkörpert und porträtiert wie der nach Blut dürstende Fürst der Finsternis. Im 1931 veröffentlichten Film „Dracula“ übernahm Bela Lugosi die Rolle des berühmten Vampirs und spielte damit die Rolle seines Lebens. Der Film selbst gehört für viele zu den zeitlosen Klassikern des Horror-Genres. Für mich ist „Dracula“ jedoch in erster Linie ein hervorragendes Beispiel dafür, dass die Qualität eines Films nicht immer im Zusammenhang mit dessen Rezeption und Wirkung auf den Zuschauer stehen muss.

Wenn Filme ein gewisses Alter erreicht haben, fällt es oft schwer eine kritische Betrachtung vorzunehmen. Oft entsprechen diese Filme nicht mehr unseren heutigen visuellen und technischen Standards, inhaltliche Aspekte haben ihre Relevanz verloren oder der Zuschauer ist schlicht und ergreifend abgestumpft und für die damaligen Formen der Unterhaltung nicht mehr empfänglich. Das ist zwar schade, aber wahrscheinlich ein unausweichlicher Entwicklungsprozess. Und dennoch gibt es einige Filme, die gegen Alterserscheinungen immun zu sein scheinen. Leider zählt „Dracula“ nicht in diese Kategorie…

Dracula

© Universal

Wie bereits erwähnt, sehen wir in „Dracula“ Bela Lugosi in der Rolle des gleichnamigen Grafen. Auf Grund seiner körperlichen Erscheinung, seiner Ausstrahlung und seines osteuropäischen Akzents war Lugosi wie gemacht für die Darstellung des Blutsaugers und prägte mit seiner Leistung unser Bild von Dracula und Vampiren im Allgemeinen nachhaltig. Neben Lugosi wirkt jedoch der restliche Cast zum Großteil recht hölzern und beinahe schon laienhaft. Allerdings sollte man sich bei der Beurteilung der Darsteller vor Augen halten, wann der Film produziert wurde. 1931 waren Filme mit Sprechrollen noch etwas bahnbrechend Neues. Viele Lichtspielhäuser waren zur damaligen Zeit noch nicht einmal auf dem technischen Stand, diese Filme zu zeigen. Dementsprechend stammten viele der Schauspieler im Film aus der Zeit der Stummfilme und wirkten aus heutiger Sicht mit ihren Sprechrollen ziemlich überfordert.

Ähnliches lässt sich über die Effekte im Film sagen. Papierfledermäuse, die ohne Flügelschläge an Seilen durch die Luft gezogen werden, lassen sich in Anbetracht des Mangels an Computeranimationstechnik guten Gewissens entschuldigen.

Die Gründe dafür, weshalb ich „Dracula“ für ein sehr fragwürdiges Sehvergnügen halte, sind demnach andere. Wie vielen wahrscheinlich bekannt ist, basiert der Film auf der gleichnamigen Romanvorlage des irischen Autors Bram Stoker aus dem Jahre 1897. Allerdings weicht der Film an einigen grundlegenden Stellen vom Roman ab. Diese interpretatorische Freiheit steht natürlich jedem Film zu. Allerdings verliert der Film durch diverse Änderungen und Auslassungen ziemlich viel an Sinn und Logik.

Einer der großen Unterschiede zwischen Film und Buch wird bereits zu Beginn des Films deutlich. Im Roman ist es ein Mann namens Jonathan Harker, der nach Transsylvanien reist, um Dracula die Papiere einer kürzlich in London erstandenen Immobilie zu überreichen. Harker ist der Verlobte einer gewissen Mina, die später das Interesse Draculas auf sich ziehen soll. Im ersten Teil des Romans erfährt der Leser aus Harkers Aufzeichnung von dessen wochenlangem Aufenthalt in Draculas Schloss. Dort wird er Zeuge, wie Dracula ein Neugeborenes an seine Bräute verfüttert, wird während eines Fluchtversuchs von blutrünstigen Wölfen bedroht, die unter dem Einfluss Draculas bereits eine Frau zerfleischt haben und sieht den Grafen selbst wie eine Eidechse die Fassade des Schlosses hinauf klettern. All diese schrecklichen Horror-Elemente fehlen im Film komplett. Auch hier gilt es natürlich wieder den Zeitpunkt der Veröffentlichung zu beachten. Während Horrorfans heute blutige Schockmomete in Gruselfilmen fast schon erwarten, war die Darstellung des Schreckens damals einfach eine andere. Trotzdem lässt sich festhalten, dass andere Filme der selben Dekade (siehe dazu „Frankenstein“ oder „Der Unsichtbare“), so wie die literarische Vorlage bereits einen Schritt weitergehen. 

Im Film übergibt dann übrigens nicht Jonathan Harker, sondern der Anwalt Renfield die Papiere an Dracula. In den wenigen Stunden seines Aufenthalts verliert Renfield dann ohne plausible Erklärung den Verstand und wird zu Draculas Diener, ohne dass wir etwas über dessen Brutalität und Schrecklichkeit erfahren.

Das fehlen der Horrorelemente wird auch an der Figur der Lucy deutlich. Lucy ist die beste Freundin der bereits erwähnten Mina und fällt sowohl im Buch, als auch im Film Draculas Blutdurst zum Opfer. Im Buch kehrt sie selbst als Vampir aus dem Reich der Toten zurück und terrorisiert die Einwohner der Stadt, in dem sie u.a. zahlreiche Kinder tötet. Um sie von ihrem seelenlosen Dasein zu erlösen, muss sich ihr Verlobte dazu überwinden, ihr einen Pfahl ins Herz zu rammen, ihrer Leiche den Kopf abzuschlagen und anschließend den Mund mit Knoblauch vollzustopfen. Ziemlich übler Scheiß. Neben der schockierenden Wirkung erfüllt dieser Teil der Erzählung auch die Funktion der Vorausdeutung, welches Schicksal den ebenfalls verlobten Protagonisten Jonathan und Mina bevorstehen könnte.

Im Film wird Lucy auch von Dracula gebissen. Allerdings wird das nicht weiter thematisiert. Es scheint weder jemand ihren Tod zu betrauern, noch wundert es Mina, dass sie ihre Freundin nach deren Beerdigung nächtens durch die Gegend spazieren sieht. Auch erfährt man nichts davon, dass die Untote irgendwelchen Schaden anrichtet oder verfolgt werden müsste. Sie wird einfach nicht weiter erwähnt und ist daher genau genommen für die Handlung von keinerlei Bedeutung und lässt diese im Gegensatz zum Buch sogar ziemlich unlogisch erscheinen.

Auch Dracula selbst wird im Film nicht als der übermächtige Gegner dargestellt, der er im Roman ist. Dort fällt es seinen menschlichen Widersachern nicht nur auf Grund seiner physischen Überlegenheit schwer in zu fassen und zu erledigen. Da Vampire in Stokers Urversion gezwungen sind am Tage in der Erde zu ruhen, in der sie nach ihrem Tod begraben wurden, lässt Dracula knapp 50 Kisten dieser Erde nach London bringen und in der ganzen Stadt verteilen. Auf diese Weise müssen Harker und der zur Unterstützung angereiste van Helsing zunächst eine Vielzahl möglicher Verstecke ausfindig machen und zerstören, bevor sie den gejagten Vampir stellen können. Das führt zu einer aufreibenden Verfolgungsjagd bis zurück nach Transsylvanien, wo es zu einer blutigen Endschlacht mit einer Horde Zigeuner kommt, bevor das Monster erledigt werden kann.

Im Film gibt es nur drei dieser Kisten, die jedoch noch nicht mal gesucht werden müssen. Wenn man den Roman nicht kennt, wird noch nicht mal deutlich, wofür Dracula diese bei seiner Reise nach London überhaupt mitnimmt. Obwohl Dracula drei Verstecke zur Auswahl hat, entscheidet er sich trotz der drohenden Gefahr für das einzig seinen Gegnern bekannte, wo er ziemlich unspektakulär, weil ohne Gegenwehr, im Schlaf mit einem Pfahl getötet wird.

Neben der zum Teil wirklich unsinnigen Handlung, lässt dann auch die Kameraführung sehr zu wünschen übrig. Der Film ist voll von statischen Einstellungen, in denen gefühlt minutenlang nichts passiert. Z.B. wenn sich Dracula wie in Zeitlupe völlig geräuschlos auf die schlafende Mina zubewegt. Auf diese Weise wirkt der Film, trotz seiner gerade mal 85 Minuten Laufzeit, sehr lang. Dass das auch in den 1930er Jahren schon dynamischer und abwechslungsreicher möglich war, zeigen einige andere Filme dieser Dekade.

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Dracula bei der Arbeit. Das kann schon mal eine Weile dauern…

Alles in allem bleibt das Gefühl, mit „Dracula“ einen eher langweiligen und zum Teil sogar unsinnigen Film gesehen zu haben. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass der Film die Universal-Kassen mächtig klingeln ließ. Dies lag wohl zum einen an der herausragenden Darbietung Lugosis, die nicht nur die Zuschauer damals in ihren Bann gezogen haben muss, sondern auch das allgemeine Bild von Vampiren und der Figur Draculas bis heute geprägt hat. Zum anderen muss man sich die Rahmenbedingungen des Kinos der damaligen Zeit vor Augen halten. Ich stelle mir vor, wie beeindruckend es für das damalige Publikum gewesen sein muss, Filme nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Eine technische Errungenschaft, die wohl mit der heutigen 3D-Technik oder Animierten Special-Effects vergleichbar gewesen sein muss. Dazu kamen klassische Horrorelemente wie das Heulen der Wölfe oder die noch heute sehr beliebten knarrenden Türen, die für ein atmosphärisches Kinoerlebnis sorgten.

Gewissermaßen entdeckt man bei „Dracula“ demnach ein Phänomen, was wir heute bei Blockbustern wie den Transformers, Pacific Rim oder sämtlichen Marvel Fließbandprodukten erneut erleben. Wir sind gebannt von den Effekten auf der Leinwand. Vielleicht nicht mehr unbedingt vom Sound und sprechenden Figuren, aber auf jeden Fall von den visuellen Reizen und denn ruckelnden Thunderseats. Ob die Story des Films Sinn ergibt und ob die Figuren etwas taugen, spielt dabei eigentlich keine Rolle. Immerhin gab es dieses Phänomen scheinbar auch schon vor 80 Jahren.

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Vielen Dank!

Im zweiten Teil der Serie geht es dann um einen Filmvergleich: Die spanische Version von Dracula…

Bis bald,

Euer Ma-Go

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27 Antworten zu “Universal Monsters (1): Dracula – Über Wirkung und Qualität von Filmen

  1. Dem stimme ich zu. Der Film wirkte auch auf mich eher langweilig. Andere Filme jener Zeit sind da um ein Vielfaches besser. Dass Regisseur Tod Browning aber auch ganz anders kann bzw. konnte, zeigte er in „Freaks“.

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  2. Ein gutes hat es, selbst ich als Horror-Feigling kann dieses Genre problemlos „vertragen“. Irgendwie finde ich, dass diese Filme schon allein aus Nostalgie und Historie in ein DVD-Rgeal gehören. Special Effeckts oder Sinnlosigkeit hin oder her… Die hat man heute auch noch.

    Übrigens: Wer zur Hölle will Schauspieler reden hören? (Prognose des Filmkonzerns „Warner Brothers“ im Jahre 1927 über „Tonfilme“) 😀
    Haben sich wohl geschnitten…

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  3. Schön wieder mal den Namen Bela Lugosi in einem Artikel lesen zu können! 😊

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  4. Gesehen habe ich diese Fassung nicht, aber der einzige Dracula, den ich akzeptiere ist Christopher Lee und die Dracula Reihe aus den 50er Jahren.

    Gefällt 1 Person

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  11. Jetzt komme ich endlich mal zum Nachholen. 🙂

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