Filmkritik: Im Herzen der See

Hallo Filmfreunde,

immer wieder kommt es vor, dass eigentlich gelungene Filme im Schatten großer Blockbuster-Produktionen wie zuletzt „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“, oder vor kurzem auch „Spectre“ und „Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 2“, vom Publikum übersehen werden und an den Kinokassen floppen. So zum Beispiel geschehen bei „Im Herzen der See“. Ob es sich lohnt, dem Film trotz der großen Konkurrenz eine Chance zu geben, erfahrt ihr hier:

 

Im Herzen der See

Abenteuer/Drama; 2015

Mit: Chris Hemsworth, Cilian Murphy, Brendon Gleeson,

Kurzinhalt und Trailer:

Im Jahr 1820 sticht das Walfangschiff Essex in See. Mit an Bord der aufstrebende Seemann Owen Chase (Chris Hemsworth). Auf hoher See werden die Walfänger von einem gigantischen Pottwal angegriffen und müssen in ihren Rettungsbooten flüchten. Ein harter Kampf ums Überleben beginnt.

Meine Gedanken zum Film:

Auch wenn man es immer wieder liest und hört, ist „Im Herzen der See“ nicht die Verfilmung des Romans „Moby-Dick; oder: Der Wal“. Kenner des 1851 erschienenen Klassikers von Herman Melville werden im Film vergeblich auf den Auftritt berühmter Romanfiguren wie Ismael, Kapitän Ahab oder Starbuck warten. Der Film erzählt nicht die fiktive Geschichte eines rachsüchtigen Kapitäns auf der Jagd nach einem großen, weißen Wal. Es geht um die wahre Geschichte des Wahlfangschiffes Essex und dessen Crew, die bei einem Walangriff und dessen Folgen ums Leben kamen.

Bekannt wurde die Geschichte durch Erzählungen der beiden Crew Mitglieder Owen Chase und Thomas Nickerson, die beide auch im Film eine wichtige Rolle spielen. Vor allem Chase‘ Werk mit dem einprägsamen Titel „Narrative of the Most Extraordinary and Distressing Shipwreck of the Whale-Ship Essex, of Nantucket; Which Was Attacked and Finally Destroyed by a Large Spermaceti-Whale, in the Pazific Ocean; with an Account of the Unparalleled Sufferings of the Captain and Crew during a Space of Ninety-Three Days at Sea, in Open Boats; in the Years 1819 & 1820.“ diente später als eine von vielen Informations- und Inspirationsquellen für Melvilles Roman.

Im Jahr 2000 führte der Amerikaner Nathaniel Philbrick dann mehrere Quellen in seinem Buch „Im Herzen der See – Die letzte Fahrt des Walfängers Essex“ zusammen. Der nun erschienene Film von Ron Howard ist letztendlich die Verfilmung Philbricks Vorlage.

Und dennoch sind Verbindungen zu Melvilles „Moby-Dick“ offensichtlich und nicht von der Hand zu weißen. Immerhin besteht die Rahmenhandlung des Films aus einem Gespräch zwischen dem jungen Herman Melville (Ben Whishaw) und dem letzten Überlebenden der gesunkenen Essex, Thomas Nickerson (Brendon Gleeson). Diese Rahmenhandlung hätte es meiner Meinung nach jedoch gar nicht gebraucht, da durch die häufigen Zeitsprünge, von der Haupthandlung an Bord der Essex zurück in die Gegenwart, der Erzählrhythmus manchmal deutlich gestört wird. Außerdem hätte man ohne diesen Rahmen den Bezug zu Melvilles Roman nicht unnötiger Weise betont und damit bei vielen Zuschauern und sogenannten Kritikern für Verwirrung gesorgt.

Brendon Gleeson berichtet vom Schicksal der Essex

Die Haupthandlung selbst ist auch ohne Moby-Dick-Hintergund spannend genug und optisch toll gestaltet. Obwohl die Geschichte im frühen 19. Jahrhundert spielt, sind die behandelten Themen aktuell. Es geht um wirtschaftliche Skrupellosigkeit der Menschen gegenüber der Natur, um religiöse Selbstüberschätzung und den Mangel an Ehrfurcht vor der Schöpfung.

Die Essex segelt ins Verderben

Die Charaktere im Film sind zum Großteil so unsympathisch, dass man als Zuschauer viel mehr Mitleid mit den Walen hat, die von den Waljägern getötet und zerhackt werden. Selbst Chris Hemsworths Hauptfigur, die in einigen Szenen an den Prinzen-Schönling Eric aus Disneys „Arielle“ erinnert, bietet auf Grund seines falschen Ehrgeizes und übertriebenen Stolzes nur wenig Identifikationspunkte für den Zuschauer.

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Starker Wind – Die Frisur sitzt…

Der restliche Cast, darunter Cilian Murphy als trockener Seemann und Benjamin Walker als Kapitän George Pollard, wirkt blass und austauschbar und lässt sich im Laufe des Films, wenn die Bärte länger und die Situation unübersichtlicher wird, nur noch schwer auseinander halten. Beachtlich bleiben die körperlichen Verwandlungen der Schauspieler, die im Laufe der Dreharbeiten deutlich an Gewicht verloren haben, um die in Seenot geratenen Überlebenden glaubhaft darzustellen. Schwer vorstellbar, dass Chris Hemsworth in der Form, in der er sich gegen Ende des Film zeigt, auch nur einen handelsüblichen Hammer schwingen und durch die Luft werfen könnte…

Der eigentliche Star des Films ist der große Wal, der visuell gut gelungen ist, aber im Stile einiger Klassiker wie „Der weiße Hai“ nur wenig Screen-Time bekommt und dabei oft nur teilweise oder schattenhaft zu sehen ist. Das Zentrum der Geschichte ist neben den Walfangszenen, die den Zuschauer quasi mitten in die Action katapultieren und den rauen Seewind im Gesicht spüren lassen, auch wenig überraschend der Angriff des gigantischen Wals auf die Essex.

Der Wal zeigt sich…

Im weiteren Verlauf entwickelt sich der Film dann gekonnt zu einem Überlebensdrama in Rettungsbooten auf hoher See, bei dem der verbliebene Rest der Besatzung vor schwierige Entscheidungen gestellt, an den Rand der körperlichen Belastung gebracht und mit ihrer eigenen Menschlichkeit konfrontiert werden.

Fazit:

Im Herzen der See“ ist trotz eher schwachen Casts und Figuren ein richtig guter Film, der die wahre Geschichte einer Gruppe von Walfängern vielschichtig und spannend erzählt und ein tolles visuelles Gewand packt. Packende Actionszenen auf hoher See, grandiose Ozean-Szenerien und gut animierte Wale um einen heimlichen Star, der später dank Herman Melville als Moby-Dick berühmt werden sollte, ergeben einen gelungenen Mix aus Abenteuerfilm und Überlebensdrama.

Habt ihr den Film gesehen oder habt es vor? Wie fandet ihr ihn oder was erwartet ihr? Wie immer freue ich mich über jeden Kommentar und Like.

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Vielen Dank!

Bildquelle: warnerbros.de
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8 Antworten zu “Filmkritik: Im Herzen der See

  1. Schön, dass er dir gefallen hat, wo der doch sonst nicht immer so super wegkommt. Seit ich den ersten Trailer gesehen habe, freue ich mich auf den Streifen.
    Leider läuft im Herzen der See hier nur in 3D. Hab ich an sich nichts gegen, aber wenn man nicht allein mehr die Wahl hat, sich gegen die dritte Dimension zu entscheiden, hab ich fast schon keine Lust mehr. Mal sehen, ob das noch was gibt – sonst hab ich was neues fürs Heimkino nächstes Jahr. 😀

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    • Ging mir von Anfang an genauso! Allerdings lief der Film hier nur in wenigen Kinos und wenn, dann nur zu total unchristlichen Zeiten 😉
      Ich bin echt froh, dass es doch noch geklappt hat.
      Was das 3D angeht, hast du vollkommen Recht. Nur leider hat man mittlerweile oft keine Wahl mehr. Aber bleib rebellisch und standhaft! 😉

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  2. Ich hatte ehrlich gesagt immer meine Schwierigkeiten, die Handlung des Filmes zu verstehen. Jetzt wurde ich endlich mal aufgeklärt 😉 dann handelt es sich hierbei also um die Vorlage zu „Moby Dick“, das weckt doch mal mein Interesse!

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    • Ja, sozusagen. Der Vorfall, um den es im Film geht, ist relativ gut dokumentiert. Herman Melville hat damals die Aufzeichnungen eines der Überlebenden gelesen. Allerdings nicht nur das, sondern auch Dokumente über weitere Schiffunglücke, bei denen Wale beteiligt waren. Der Mythos „Moby Dick“ ist aber schon älter und bezieht sich auf die spanische Bezeichnung „Mocha Dick“. Einen großen Wal, der vor der chinesischen Insel „Mocha“ gesichtet worden sein soll. Dass alles zusammen hat Melville dann zu seinem (komplett fiktiven) Roman zusammen gemischt. Was nicht heißen soll, dass das Buch schlecht ist. 😀

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  3. Na gut… konntest du dem Film doch ein bisschen mehr abgewinnen als ich 😀 Richtig packend fand ich ihn leider nicht, dafür waren mir die Darsteller allesamt ein bisschen zu eintönig dargestellt. Aber rein vom Optischen her gebe ich dir Recht, da ist der Film schon durchaus sehenswert.

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  4. Hat leider nicht für einen Kinobesuch gereicht. Werde ich auf Bluray nachholen müssen. PS: Hast du dein Punktesystem eingestellt? 😉

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