Horrorfilme – Ein Genre für die geistig schwachen?

Screenshot Evil Dead

Hallo Filmfreunde,

geht es euch nicht auch manchmal so, dass ihr euch einen Horrorfilm anschaut und euch an irgendeinem Punkt selbst fragt: „Wollen mich die Filmemacher eigentlich für dumm verkaufen?“

Und tatsächlich, betrachtet man Horrorfilme mit der Brille der Vernunft und Logik, kann man schon mal daran zweifeln, ob Horrorfilme die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Zuschauer wirklich ernst nehmen. Da wird dem am Boden liegenden Angreifer der Rücken zugedreht und ein kleines Päuschen gemacht, vom Gebrauch jeglicher Waffen abgesehen, prinzipiell darauf verzichtet das Licht anzuschalten, sich aufgeteilt anstatt mit vereinten Kräften den Eindringling zur Strecke zu bringen, oder sich in einem engen Raum ohne Fluchtweg versteckt.

Doch was wäre nun, wenn die Filmemacher ihr Publikum gar nicht für dumm verkaufen wollen, sondern einfach WISSEN, dass der gemeine Horrorfan nicht die hellste Kerze auf dem Leuchter ist? Oder anders gefragt: Ist das Horrorgenre eher auf eine kognitiv einfach gestrickte Zielgruppe ausgelegt? Und können intelligente Filmfans (oder diejenigen die sich dafür halten) Mainstream-Horrorstreifen überhaupt genießen? Da ich mich als gemäßigter Horrorfan geistig nicht in der Lage sehe, diese Frage alleine zu beantworten, habe ich mir Verstärkung bei meinen Kollegen Isabelle und David geholt, auf deren Blogs ihr bei Gelegenheit auch mal vorbeischauen solltet. Gemeinsam wollen wir im Gespräch der Sache auf den Grund gehen. Zur besseren Lesbarkeit werden unsere Beiträge in verschiedenen Farben dargestellt, damit jede Aussage der jeweiligen Person zugeordnet werden kann. Isabelle schreibt blau, David rot und meine eigenen Beiträge erkennt ihr an der schwarzen Schrift. Und nun viel Spaß mit unserem Artikel…

Hallo ihr beiden,

schön dass ihr euch Zeit nehmt, euren Senf zu diesem Beitrag abzugeben. Sagt mal, mögt ihr eigentlich Horrorfilme?

Ich liebe gut gemachte Horrorfilme. Mit „gut gemacht“ meine ich, dass man mit den Figuren mitfiebert, Jump-Scares zwar erahnt, aber dennoch nicht kommen sieht, und die Grundatmosphäre düster und gruselig ist. Außerdem lassen sich in gut gemachten Horrorfilmen auch psychologische Tiefen erkennen, die menschliche Urängste ansprechen. Dadurch entsteht eine Art Angstlust: Man sieht etwas, das eine Urangst berührt (zum Beispiel die vor dem Tod), gleichzeitig fühlt man sich aber in Sicherheit und kann die Angst so bewältigen. Und das macht Spaß. Schlechte Horrorfilme hingegen langweilen mit flachen Figurencharakterisierungen. Es gelingt nicht, eine Gruselatmosphäre zu etablieren und die Jump-Scares riecht man meilenweit gegen den Wind. Diese taugen höchstens, wenn sie so schlecht sind, dass sie schon wieder lustig sind für einen unterhaltsamen Trash-Filmabend unter Freunden. Aber ich denke, jeder Film kann einen tieferen Blick lohnen. Schlechte Filme lassen sich wunderbar analysieren, um zu schauen, was gute Filme anders machen und warum es dort gelingt, den Zuschauer zu fesseln und bei anderen Filmen nicht.

Was mir in letzter Zeit den Horrorspaß des Öfteren vermiest hat, waren einige Leute im Publikum, die sich offenbar zu fünft eine Gehirnzelle teilen. Und der, der sie zuletzt hatte, hat sie aus Versehen ausgeniest und nun ist sie futsch. Die machen einem die Gruselatmosphäre kaputt, wenn sie dazwischen quaken, dass sie ja so gar keine Angst haben und sich überhaupt nicht gruseln. Furchtbar. Ist euch das auch aufgefallen?

Ich muss ehrlich sagen: Ich bin generell eher kein großer Fan von Horrorfilmen. Ich erkenne für mich nie so richtig den Sinn oder den Spaß darin, sich zu gruseln und einer ,,extremen“ Emotion wie Angst auszusetzen.

Natürlich habe ich dennoch schon so einige Horrorfilme gesehen – und zwar sowohl solche, die mir trotz meiner eher abgeneigten Haltung einigermaßen gefallen haben, aber auch solche, die ich einfach nur anstrengend und nervig fand.

Welche Horrorfilme ich eher als gut und welche ich eher als schlecht einordnen würde, da kann ich mich nur an Isabelles Beschreibungen halten: Ist ein Horrorfilm nur eine Aneinanderreihung von Jump-Scares und mehr eigentlich nicht, schalte ich ziemlich sicher nach wenigen Minuten ab. Steht aber die Spannung, die durch die Figuren oder die Handlung getragen wird, im Vordergrund, so kann ich zumindest nachvollziehen, wieso einem ein solcher Film gefällt.

Die ,,anstrengenden“ Besucher im Kino habe ich auch schon mehrfach wahrgenommen (bzw. zu einem sehr viel größeren Teil aus meinem Freundeskreis berichtet bekommen). Ich denke, das hat damit zu tun, dass ein Horrorstreifen seit je her als eine Art ,,Mutprobe“ angesehen wird. Nur denke ich, dass es heute (zumindest im Mainstream-Kino) viel zu viele ,,Mutprobenfilme“ gibt, die statt eine spannende Handlung zu erzählen, den Weltrekord für Jump-Scares brechen wollen.

Schön, dass ihr direkt zu Beginn das Publikum ansprecht, denn auch mir sind bei meinen letzten Horrorfilmsichtungen immer häufiger nervige Gestalten aufgefallen, bei denen man meinen könnte, sie seien zum ersten Mal im Kino oder überhaupt unter Menschen. Natürlich findet man Idioten genreübergreifend in allen Kinosälen rund um den Globus. Bei Horrorfilmen stelle ich jedoch ganz subjektiv eine deutliche Häufung fest. Es wird dazwischen gequasselt, mit dem Handy die nähere Umgebung abgeleuchtet oder lautstark über den laufenden Film abgeledert. Neulich meinte ein Schlauberger wohl, die nervenaufreibende Stille in einer Szene würde viel zu lange dauern. Kurzentschlossen durchbrach er die Spannung mit einem lauten „BUH!!!“, um die Begleitung neben sich so richtig schön zu erschrecken und sich dann lautstark über ihre Reaktion zu amüsieren. Die gruselige Atmosphäre war für die restlichen Besucher natürlich im Eimer.

Ob es sich bei diesem Verhalten um eine Strategie handelt, die eigene Furcht mit „Humor“ zu überspielen, oder um einen Mangel an Intelligenz respektive sozialer Kompetenz, lasse ich mal dahin gestellt. Habt ihr Ähnliches auch schon erlebt?

Ja, ich hatte neulich in „Insidious: Chapter 3“ auch so einen „Buh!“-Rufer. Ich glaube, das ist eine Art spätpubertärer Sinn für Humor kombiniert mit plumpem Balzverhalten. Der fand das einfach ungemein witzig, seine Sitznachbarin zu erschrecken und wollte damit auf sich aufmerksam machen. Wie ein paarungsbereiter Ziegenbock auf Brautschau, die benehmen sich auch nicht gerade feinsinnig. Da könnte man noch sagen, die Hormone seien Schuld und vielleicht ist der normalerweise total schlau, wenn er nicht gerade darauf aus ist, ein Weibchen zu begatten.

Aber manche Leute haben außer Stroh wirklich nicht viel im Kopf. Zum Beispiel Leute, die jeden Text laut (und schlecht) vorlesen müssen, der auf der Leinwand erscheint. In „Wolf Creek 2“ saßen ein paar Spezialisten hinter uns. Ein Straßenschild kam ins Bild, auf dem „Wolf Creek“ stand und selbst das mussten sie erst einmal vorlesen. Wenn ein Film ab 18 freigegeben ist, sollte man doch meinen, dass die Zuschauer die Grundschule abgeschlossen haben. Ich glaube, da fehlt es sowohl an Intelligenz als auch an sozialer Kompetenz. Ansonsten könnte man dumme Gedanken für sich behalten.

Dabei muss man allerdings bedenken, dass wir Deutsche generell sehr zivilisierte Kinogänger sind und wir es einfach nicht gewohnt sind, andere Gäste wirklich wahrzunehmen. In anderen Ländern – und ich kenne das selbst aus den USA – werden die Helden lauthals angefeuert, (laute) Ausrufe des Schreckens sind an der Tagesordnung und so weiter. Aber ich bin ehrlich: Mich würde das auch stören.

Apropos zivilisierte Kinogänger: Gab es da nicht letztes Jahr irgendwo einen Vorfall, bei dem Horrorfans ihre volle geistige Reife und kognitiven Kapazitäten zur Schau stellten?

Oh ja! Das war in Frankreich: in Marseille, Straßburg und Montpellier. Tausende Jugendliche haben sich anlässlich von Kinovorführungen des Horrorfilms „Annabelle“, dem Prequel zu „Conjuring“, zusammengerottet und die Kinosäle auseinandergenommen (Filmstarts.de hat beispielsweise darüber berichtet. Den Artikel dazu findet ihr hier –> ). Warum, weiß keiner. Ich denke, da fehlt es an Anstand und gesundem Menschenverstand. Ob man das als Dummheit bezeichnen will oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Aber auf jeden Fall ist es sinnlos, achtlos und arschig. Man kann sich ja auch Hobbys suchen, die nicht das Eigentum anderer Leute beschädigen und anderen Menschen den Spaß am Filmegucken ruinieren. Man könnte zum Beispiel ein Buch lesen oder mit Sport anfangen, wenn man nicht weiß, wohin mit seiner Energie.

Wenn man sich diese Vorkommnisse und unsere eigenen Erfahrungen vor Augen hält, könnte man schon den Eindruck bekommen, dass ein Teil des Horrorfilmpublikums tatsächlich nicht mehr alle Latten am Zaun hat. Neulich habe ich jedoch in der „Psychologie heute“ einen interessanten Artikel mit dem TitelDu guckst und liest, was du bistgelesen, der diese These scheinbar widerlegt. Darin wird eine Studie der University of Cambridge vorgestellt, die den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und filmischen Vorlieben untersucht hat. Anhand von Vorstudien wurden dazu zunächst fünf große „Mega-Genres“ eingeteilt. Eines davon war die Kategorie „Düster-Dämmriges“, die man auch Horror/Mystery nennen könnte. Die Teilnehmer der Studie mussten Persönlichkeits- und Intelligenztests durchführen, einige grundlegende Angaben zu ihrer Biographie machen und letztlich natürlich angeben, welche Genres in Film und Literatur sie wie gerne sehen oder eben nicht. Auf Grundlage dieser gesammelten Daten ergab sich für Fans des Horrorgenres folgendes Profil:

Das Dunkle in Film […] suchen […] Gemüter von oft wenig ausgeprägter Verträglichkeit und Liebenswürdigkeit, denen aber doch nicht selten eine intellektuelle Note eigen ist. Sie fahren nicht besonders auf Pflichten ab, ebenso wenig auf Umsicht, Rücksichtnahme, Moral, Einfühlung in andere. Sie sind überdurchschnittlich kreativ, einfallsreich, widerspruchsfreudig, extravertiert und selbstdarstellerisch.“

Das klingt zwar alles andere als sympathisch, spricht den Horrorfans jedoch keineswegs intellektuelle Grundfähigkeiten ab. Allerdings würde diese Beschreibung erklären, warum in Horrorfilmen gefühlt deutlich häufiger nervige Dumpfbacken sitzen. Was sagt ihr zu diesen Befunden? Und denkt ihr auch, dass sich auf Grundlage unseres Filmgeschmacks grundlegende Aussagen über unsere Persönlichkeiten treffen lassen?

Prinzipiell denke ich schon, dass unsere Geschmäcker etwas über unsere Persönlichkeit verraten. Doch trotz meiner Vorliebe für dunkle und düstere Filme, sehe ich mich als relativ pflegeleichtes Persönchen, das im wahren Leben geradezu unerschütterlich fröhlich ist und es hasst, im Mittelpunkt zu stehen. So viel zum Thema extravertierte Selbstdarsteller.

Allerdings reizt mich am Horrorgenre nicht das Jonglieren mit Eingeweiden, das muntere Abhacken diverser Gliedmaßen oder Blutgespritze, sondern die psychologischen Untiefen, die sich dahinter verbergen. Über ironisch überspitzte Splatter à la „Machete Kills“ kann ich mich trotzdem prächtig amüsieren. Da möchte ich jetzt aber nicht so genau wissen, was das über meine psychologischen Untiefen aussagen mag.

Es erscheint logisch, dass Filme, die von den dunklen Seiten unserer Welt und vom Jenseits handeln, eher Menschen ansprechen, die es mit dem Einfühlungsvermögen nicht so haben. Doch ich bezweifle, dass sich das verallgemeinern lässt. Gerade wenn man recht empathisch ist, interessiert man sich für die psychologischen Aspekte hinter den Schreckmomenten. Man möchte wissen, was sich hinter den Fassaden verbirgt. Der Film „Horns“ ist hierfür ein spannendes Beispiel.

David sprach vorhin von Horrorfilmen als „Mutprobe“, du jetzt von „psychologischen Untiefen“. Das klingt nach deutlichen Unterschieden, wie man Filme dieses Genres sehen kann oder mit welcher Erwartungshaltung man ins Kino geht. Passend dazu möchte ich auf das Video des Kollegen Chris Stuckmann mit dem Titel „The Problem with Horror Movies Today“ aufmerksam machen. Darin wirft Chris die Frage auf, ob Horrorfans vergessen haben, was echter Horror eigentlich ist.

Hauptsächlich bezieht sich Chris in seiner Ausführung beispielhaft auf die beiden Horrorfilme „The Babadook“ und „Oculus“, die ich beide noch nicht gesehen habe. Seiner Meinung nach wurden die Filme in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ausreichend gewürdigt. Er bemängelt, dass Zuschauer Horrorfilme häufig qualitativ an der Anzahl der Jumpscares, des Designs der auftauchenden Monster und des Ekelgrads der blutigen Szenen beurteilen und Elemente wie die Atmosphäre des Films, menschliche Urängste oder die genannten psychologischen Untiefen oft vergessen oder ignoriert werden. Eure Meinung dazu bitte…

Das Video ist echt spannend und aufschlussreich. „Oculus“ habe ich auch noch nicht gesehen, aber „The Babadook“ war für mich einer der besten Horrorfilme des Jahres (wobei der Film bei uns in Deutschland erst 2015 gezeigt wurde). Ich habe mich keine einzige Sekunde gelangweilt. Im Gegenteil, ich rutschte immer tiefer in meinen Kinosessel und verspürte die ganze Zeit über ein unterschwelliges Gefühl von Unbehagen und Grusel. Die wenigen Jump-Scares waren dramaturgisch raffiniert und schlüssig eingeflochten. Sie dienten nicht der reinen Effekthascherei, sondern waren Teil der Geschichte. Chris Stuckmann betont in seinem Video, dass gut gemachte Jump-Scares, die in die Handlung eingebunden sind, wunderbar sind. Diese völlig übertriebene Aneinanderreihung von plumpen Schreckmomenten ruinieren einen Horrorfilm hingegen vollkommen.

Ich denke, so lässt sich erklären, weshalb „Horrorfilme“ sowohl Mutproben sein als auch psychologische Untiefen aufzeigen können. Das Genre gibt beides her und ein Zuschauer kann die eine oder andere Erwartungshaltung einnehmen. Bei „Der Babadook“ hat der Trailer wohl bei vielen Zuschauern die Erwartungshaltung „Mutprobe“ hervorgerufen, doch der Grusel konzentrierte sich verstärkt auf psychologische Untiefen. Dass dann viele enttäuscht sind, ist verständlich. Viele Rezipienten trennen jedoch nicht zwischen enttäuschter Erwartungshaltung und Film. Diese sagen dann: „Der Film war scheiße, total schlecht gemacht, man sieht das Monster ja kaum. So ein Dreck.“ Am Ende einer solchen Tirade folgt dann ein kleines „Also mir hat er nicht gefallen“. Ein lieblos und berechnend aus effekthaschenden Jump-Scares zusammengeworfener Horrorfilm wird hingegen als gut gemacht empfunden, weil man sich möglichst oft erschrocken hat. Solche Filme sind nicht unbedingt schlecht. Aber sie bleiben weniger im Gedächtnis. Wenn ich an den „Babadook“ denke, läuft es mir eiskalt den Rücken rauf und runter. Wenn ich an „Annabelle“ denke, weiß ich noch, dass ich die Puppe zwar gruselig fand, an ihre Opfer, die eigentlichen Hauptfiguren, kann ich mich jedch kaum erinnern. Der Kollege hier auf Moviepilot sieht das jedoch ganz anders:

Ein enttäuschter Horrorfan schimpft über den

Ein enttäuschter Horrorfan schimpft über den „Babadook“.

Oder hier auf Filmstarts.de:

Babadook-Kommentar-filmstarts-de

Diese Erwartungshaltung ist vergleichbar mit Fastfood-Konsum. Man genießt das Essen nicht, schmeckt keine einzelne Nuancen heraus (nicht, dass in klassischem Fastfood Geschmacksnuancen wären) und erwartet, dass immer alles gleich schmeckt. Es geht um die reine, schnelle Nahrungsaufnahme. Angenommen, es würde ein Koch in einer Fastfood-Kette was Neues ausprobieren wollen und Koriander auf den Burger legen. Dann würden wahrscheinlich auch viele krakeelen, wie scheiße der schmeckt und dass der Koch keine Ahnung hat und gefeuert gehört. Die Jump-Scare-Parade liefert Schock und Horror in immer gleich schmeckenden Häppchen, die nach dem immer gleichen Rezept zusammengeklatscht werden. Das funktioniert, es erfüllt die Erwartungen und ab und zu macht das auch einfach Spaß. Aber auf Dauer lässt es einen nicht wirklich gesättigt und mit einem leeren Gefühl im Innern zurück.

Ich denke, Isabelle hat es hier ganz gut getroffen. Es ist halt wirklich die Frage, auf welche Art und Weise ein Horrorfilm geguckt wird bzw. geguckt werden will: Interessieren mich die Charaktere? Interessieren mich die Motive, das Spiel mit der Spannung, die Ungewissheit etc.? Dann ist es mir auch schon eher egal, wenn das Monster nicht hinter jeder zweiten Ecke hervorspringt, sondern sich nur wenige Male blicken lässt – dafür dann aber effektvoll. Gehe ich aber ins Kino mit dem Gedanken ,,Geil ey, Horror und so!1!11!!“, dann denke ich mal, interessiert mich nicht unbedingt, wie die Spannung erzeugt wird, sondern nur, dass sie irgendwie da ist, damit der nächste Jump-Scare ordentlich sitzt. Die oben angesprochene Studie zeigt, dass es den Leuten oft an Einfühlungsvermögen fehlt und ich denke, diese Beobachtung deckt sich mit der oberflächlichen Betrachtung des Films: Mir ist egal, was mit den Figuren in der Handlung passiert, solange ich meinen Spaß habe und erschreckt werde. Verallgemeinern kann man das natürlich auch nicht: Gerade zum Beispiel Slasher-Franchises wie „Freitag der 13te“, „Halloween“ usw. machen ja gerade den Bösen zum Star, der der Einzige ist, der in allen Filmen vorkommt. Somit bleibt dem Publikum nichts anderes übrig, als mit dem wahnsinnigen Killer zu sympathisieren. Mitunter hat das auch noch andere Gründe, zum Beispiel dass die Figuren selber etwas Schlimmes getan haben oder noch tun werden und es dann, in unserer mitunter verqueren Denkweise, nur „recht“ ist, wenn sie weg vom Fenster sind.

Ich will in diesem Zusammenhang dann aber auch noch mal den mahnenden Zeigefinger heben und das Blickfeld auf eine andere Perspektive richten. Es scheint also wirklich unterschiedliche Nutzungsmuster zu geben, was Horrorfilme angeht. Das ist ja auch irgendwie schon durch den Anfang dieses Artikels klar geworden: Wir haben solche, die sich über jeden Jump-Scare freuen, und alles andere ist egal, und wir haben jene, die sich auf einer anderen Ebene mit dem Film beschäftigen. Natürlich kann man nicht direkt sagen, dass die eine Art und Weise „richtig“ ist. Dennoch: Was sagt uns das, wenn wir Filme nur noch für ihr Erschreckpotential gucken? Schauen wir demnächst Actionfilme nur noch für den Bodycount? Dramen nur noch, damit wir über irgendetwas weinen können? Werden die Filme also nur noch Mittel zum Zweck? Geht uns da etwa die Medienkompetenz flöten? Werden wir zu gelangweilt, zu faul – „zu blöd“, um Filme in ihrer Gesamtheit zu sehen?

Dazu fällt mir die Poetik des Aristoteles und seine Definition der Tragödie ein: „Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden. Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer (eleos) und Schaudern (phobos) hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt.“ Demnach soll „Schaudern“, also Horror und Schrecken, beim Zuschauer eine Katharsis (Reinigung) auslösen und ihn von seiner eigenen Angst und seinen negativen Gefühlen befreien. Allerdings kann man Aristoteles auch so verstehen, dass das nur in Kombination mit „Jammer“, also im weiteren Sinne Mitgefühl, funktioniert. Das wäre die Komponente der psychologischen Untiefen, die die Schreckmomente dramaturgisch zu einer Geschichte verknüpfen und dafür sorgen, dass wir uns für die Figuren und ihr Schicksal interessieren. So entsteht ein durchgehender Spannungsbogen. Ich fürchte, es gibt tatsächlich viele Menschen, die Filmen gegenüber diese Fastfood-Mentalität an den Tag legen; sie können oder wollen nicht mehr die Geduld aufbringen, um einer psychologisch präzise erzählten Geschichte zu folgen, die ohne permanente Reizüberflutung auskommt. Ob das ein allgemeiner Trend ist? Ich weiß es nicht. Vielleicht. Mit den neuen Medien, Smartphones und Co. ist unser Leben immer schneller geworden und es prasseln immer mehr Reize gleichzeitig auf uns ein, mit denen wir umgehen müssen. Unsere Wahrnehmung hat sich dem sicher ein Stück weit angepasst. Wenn ich zum Beispiel heute Kinderfilme aus den 80ern gucke, die ich als Dreikäsehoch geliebt habe, merke ich, wie ich ungeduldig werde, weil ich das für heutige Verhältnisse gemächliche Erzähltempo nicht mehr gewohnt bin.

Den Fastfood-Vergleich finde ich auch sehr passend. Zum Abschluss unseres Gesprächs möchte ich noch mal auf die Eingangsfrage zurückkommen: Sprechen heutige Horrorfilme eine geistig schwache oder anspruchslose Zielgruppe an? Auch wenn sich dieser Eindruck in alltäglichen Kinosituationen manchmal förmlich aufdrängt, halten wir fest, dass man dem Gros der Horrorfans geistige Kompetenzen keineswegs absprechen kann.

Viel mehr sind es die oftmals irreführenden Trailer und vorangegangene Filmerfahrungen der Zuschauer, die falsche Erwartungen davon schüren und verfestigen, wie Horrorfilme aufgebaut sein sollen und zu funktionieren haben. Wenn ein Film wie „The Babadook“ oder „It Follows“ diesen Erwartungen nicht entspricht, da er auf gängige Stilmittel verzichtet und andere Aspekte des Horrors in den Vordergrund rückt, fühlen sich viele Kinobesucher in ihrer Erwartung enttäuscht und reagieren verärgert, genervt und ungeduldig. Das ist schade, wird aber schwer zu ändern sein. Zumindest so lange Filme, die sich einem immer gleichen Muster bedienen, weiterhin so massentauglich vermarktet und gewinnbringend produziert werden, oder?

Das denke ich auch. Es wäre schöner, wenn die Trailer Erwartungen schürten, die der Film später auch erfüllt, damit jeder Film das Publikum bekommt, das er verdient. Aber Trailer sind immer eine Form von Werbung und die funktioniert leider nicht mit Ehrlichkeit. Niemand kauft einen Schokoriegel, der mit „macht fett und fördert Pickel“ oder ein Waschmittel, das mit „entfernt einen Teil der Flecken, die noch nicht eingetrocknet sind“ beworben wird.

Ja, ein Trailer ist eine Form von Werbung, und je nachdem, wie der Trailer aufgebaut ist, kann man dann auch ahnen, wie und wo der Hase lang läuft: Zeige ich in meinem Film eine Person, der Schlimmes passiert? Oder zeige ich erschreckende Momente? Ich gebe meinen Vorrednern abschließend recht. Es wäre natürlich interessant zu wissen bzw. genauer zu beobachten, ob man eine solche „Bewegung“ auch in anderen Genres feststellen kann, oder ob sich das doch (wir denken an die „Mutprobe“) nur auf den Horrorbereich bezieht.

So liebe Filmfreunde,

mit diesen Schlusswörtern möchten wir das Wort an euch weiterreichen. Schreibt uns euer Feedback in die Kommentare. Natürlich freuen wir uns über jeden Like, Re-Blogg und sonstigen Social-Media-Kram und hoffen auf eine nette Diskussion. Wie sind eure Erfahrungen mit Horrorfilmen und -fans und welche Erwartungen habt ihr selbst an Horrorfilme? Nennt uns eure Favoriten und absoluten Rohrkrepierer oder was euch sonst so zum Thema und/oder unserem Artikel auf dem Herzen liegt.

Euer Ma-Go

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22 Antworten zu “Horrorfilme – Ein Genre für die geistig schwachen?

  1. Ich denke, von einem Horrorfilm an und für sich kann man eigentlich nicht mehr sprechen, da sich das Genre zu sehr aufteilt in unzählige Subgenres, von denen manche nur kurzzeitigen Trends unterliegen. Generell kann man aber in ästhetische Filme und flache Filme unterscheiden. Als flach würde ich vor allem die Welle der Torture Porn-Streifen bezeichnen, die ja auch bei manchen Regisseuren umstritten sind. Sogar Eli Roth, der dieses Subgenre ins Leben gerufen hat, meinte einmal in einem Interview, dass er sich wundere, wer sich dieses Zeug überhaupt anschaue. Die Ästhetik des Horrorfilms macht sich dagegen in Filmen wie „Suspiria“, „Tanz der toten Seelen“ oder „Blut an den Lippen“ bemerkbar. Dies sind wahre Kunstwerke. Letztendlich aber kommt es natürlich darauf an, wie man selbst zum Horrorgenre steht. – Da ich mir Horrorfilme so gut wie gar nicht im Kino ansehe, kann ich über das Verhalten der Zuschauer bei aktuellen Filmen nichts sagen. Ich denke aber, dass Horrorfilme, die für die Leinwand geschaffen werden, eher als Event als konkret als Horrorfilm vermarktet werden, um auch Leute ins Kino zu locken, die mit Horror nicht wirklich etwas anzufangen wissen.

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  2. Pingback: In eigener Sache: Ein Wort zum Sonntag | Ma-Go Filmtipps

  3. Interessanter Artikel, und das, obwohl ich mit dem Thema Horror nicht viel anfangen kann! 🙂

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  4. Pingback: Ma-Go Filmtipps feiert Geburtstag! | Ma-Go Filmtipps

  5. Ihr fasst wirklich gut zusammen, wieso ich nicht mehr für Jump-Scare Horror ins Kino gehe. Lieber auf die Blu-Ray warten und den Film dann mit Freunden genießen. So kann man sich auch über die Szenen lustig machen, ohne andere Leute zu stören.

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  6. Pingback: Endlich mal kein Monster | thomasthomasius

  7. Sehr spannender Artikel! Gefällt mir, dass er in Form eines Interviews gestaltet ist!

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  8. Pingback: Passend zum Oktober: Horrorfilme – Ein Genre für die geistig schwachen? | Ma-Go Filmtipps

  9. Ich sehe sehr selten Horrorfilme, was an zwei Dingen liegt:

    1.) Ich fühle mich nicht gut, wenn ich Angst habe. Warum soll ich Zeit und Geld investieren, um mich schlecht zu fühlen? Die 1-2 Mal, die ich Lust auf einen solchen Film habe, reicht mir ein kleiner, fieser Schocker auf Netflix.

    2.) Ich habe immer die Befürchtung, dass ich an einen Splatterfilm gerate. Ich vertrage noch nicht einmal die Szene in Der englische Patient, in der jemanden die Finger angeschnitten werden, da kann ich schon nicht hinsehen.

    3.) Die meisten Horrorfilme sind einfach schlecht gemacht. Bei Insidious und The Conjouring habe ich stumm vor Wut vorm Monitor gesessen (ich besitze keinen Fernseher), weil es unglaublich schlecht gemacht war.
    Zu guten Gruselfilmen fällt mir nur Die Frau in Schwarz, Shining und Wenn das Blut gefriert ein.

    Zum Artikel: Die Eingangsfrage wird nicht beantwortet. Das ging eher in die Richtung *WIR doch nicht!*

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    • Zu 1. Ja das geht wohl vielen so. Ist wahrscheinlich eine Typ-Frage. Es gibt aber auch Menschen, denen eben dies aus veschiedenen Gründen Spaß macht.

      2. Im echten Leben geht mir das auch so. Ich kann eklige Sachen und blutige Angelegenheiten nicht anschauen. In Filmen ist das glücklicherweise anders.

      3. Das ist ja interessant. Conjuring fand ich zum Beispiel richtig gut. Ich schaue Filme übrigens so gut wie nie vorm Monitor. Das macht irgendwie keinen Spaß. Die Frau in schwarz und Shining finde ich übrigens auch toll. 🙂

      „ich noch mal auf die Eingangsfrage zurückkommen: Sprechen heutige Horrorfilme eine geistig schwache oder anspruchslose Zielgruppe an? Auch wenn sich dieser Eindruck in alltäglichen Kinosituationen manchmal förmlich aufdrängt, halten wir fest, dass man dem Gros der Horrorfans geistige Kompetenzen keineswegs absprechen kann.

      Viel mehr sind es die oftmals irreführenden Trailer und vorangegangene Filmerfahrungen der Zuschauer, die falsche Erwartungen davon schüren und verfestigen, wie Horrorfilme aufgebaut sein sollen und zu funktionieren haben.“
      Ich finde schon, dass das eine Antwort auf die Eingangsfrage ist.

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      • Ich habe einen sehr großen Monitor, 32 Zoll, das ist schon ok. Der steht gegenüber von meinem Lesesessel und ist wie ein Fernseher, für mehr ist eben kein Platz.

        Ins Kino gehe ich so gut wie nie, da war ich schon seit zwei Jahren nicht mehr drin.
        Es gibt drei Szenarien:
        1.) Eine oder mehrere Personen raschelnd mit Chipstüten, was ich gar nicht mag.
        2.) Ein Zweimeter-Mann setzt sich vor mich und ich darf dann die nächsten 2-3 Stunden seinen Hinterkopf (partizell) bewundern.
        3.) Eine Kombination aus 1 und 2.

        Das tue ich mir nicht an.

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      • Hehe. Ja das kenne ich. Ich gehe mittlerweile auch nicht mehr gern ins Kino. Das war noch vor 1-2 Jahren ganz anders.

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      • Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Verkauf der Chipstüten die damit vertriebenen Zuschauer ausgleichen. Ich gehe von einer sehr großen Zahl potentieller Kundschaft aus, welche deswegen wegbleibt.

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      • Ich bin mir echt nicht sicher. Neulich waren im Kino 3 Typen, die jeweils 6 Flaschen Bier mitgenommen haben. 18 Flaschen; das könnte schon so 5 Zuschauer entsprechen.

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      • Ich verbinde Kino ausschließlich mit negativen Erlebnissen.

        Das letzte war im städtschen Kino der Kreisstadt mit viel zu engen Sitzreihen (Jeder über 1,80 muss sich an den Gang setzten, um die Beine rauszustrecken), durchgesessenen Sesseln und zu lauter Musik (Bei den Musikszenen von *Der große Gatsby* hielen sich alle die Ohren zu).

        Beim Pferdepflüsterer wurden noch Zuschauer reingelassen, als der Film schon lief, sie verdeckten die Leinwand bis ich sie unter tosenden Applaus anschriehen habe.

        Bei Matrix fand es einer ganz cool, lauthals mit dem Handy zu telefonieren, die waren halt gerade am aufkommen und da musste man zeigen, was man hat.

        Unvergessen irgendein Film, bei dem eine doofe Nuss aus der Reihe mit dem Argument *WC* 6-7 die ganze Reihe zum Ausstehen gezwungen hat, um dann mit Chipstüten zurückzukommen und den Leuten die Ohren vollzurascheln.

        Diese Leute müssen ein komplett andere Anatomie als ich haben, wenn ich etwas Knuspiges esse, dann verstehe ich die Schauspieler nicht mehr.

        Ich zahle kein Geld, um mit Deppen in einen Raum eingesperrt zu sein.

        Toll auch mal eine Mitternachtsvorstellung zu einem Mission Impossible-Teil im Cinemaxx / Mainz, zu dem man um 23 Uhr da sein musste, sonst wurde der Platz neu vergeben und man dann eine Stunde Werbung zu sehen bekam.

        Kino ist eine Sache, die ist für mich durch. Zumindest, bis ich im Lotto gewonnen habe, und mir ein Haus mit Privatkino leisten kann.

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      • So ähnlich geht es mir auch. Wenn du gewonnen hast, komme ich vorbei. Ohne Knabberkram und Getränk. Versprochen. 😀

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      • Ich lade dich als Ehrengast zur Einweihung ein. Du darfst den ersten Film aussuchen, unter der Auflage kein Porno und keine Gewalt.

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      • Und kein Horror. Deal

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      • Ich werde wohl diese Woche das Buch *Menschen brauchen Monster* rezensieren. Sollte es wie erwartet in die Richtung dieses Threads gehen, dürfte ich dann einen Link setzen?

        https://www.amazon.de/Menschen-brauchen-Monster-gruselige-Gestalten/dp/3492058442/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1508009786&sr=8-1&keywords=menschen+brauchen+monster

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