Filmkritik: Der Große Trip – Wild

Der Große Trip – Wild

Drama, 2014

Kinostart: 15.01.2015

Vom Leben gezeichnet macht sich Cheryl Strayed (Reese Witherspoon) auf, den 2000 Meilen langen Pacific Crest Trial zu begehen, eine Wanderroute von der mexikanische Grenze quer durch die Wüste und die Wildnis bis nach Kanada. Auf diesem Weg versucht sie mit ihrer Vergangenheit abzuschließen und wieder zu sich selbst zu finden.

Wer regelmäßig meine Beiträge auf dieser Seite liest, wird schon festgestellt haben, dass meine Filmkritiken nicht immer das sind was man im Volksmund „objektiv“ nennt. Bei „Der große Trip – Wild“ wird das nicht anders sein, da es mir schwer fällt diesen Film an Hand von gängigen Kriterien zu beurteilen. Ob der Film meiner Meinung nach sehenswert ist und warum ich ihn für ein Lehrwerk der feministischen Literatur- und Filmanalyse halte erfahrt ihr hier.

Zunächst einmal zum Film. Ohne Vorgeschichte befinden wir uns direkt am Anfang des Films mit Cheryl auf ihrer Reise, die bereits deutliche körperliche Spuren hinterlassen hat. Durch Rückblenden zu verschiedenen Ereignissen in Cheryls Leben, erfahren wir mehr über die Persönlichkeit und das Schicksal der jungen Frau und was sie eigentlich veranlasst hat diese gefährliche Reise ganz allein zu unternehmen.

Oscar-Preisträgerin Reese Witherspoon spielt hier wirklich sehr gut, wenngleich ihre Figur nicht gerade die sympathischste ist. Neben Reese Witherspoon kommt der Film mit nur sehr wenigen Nebenfiguren aus, von denen dann auch nur sehr wenige bedeutsame männliche Charaktere sind. Vielleicht fiel es mir deshalb zuweilen schwer Identifikationspunkte in diesem Film zu finden. Denn als Selbstfindungsfilm, fand ich „Der große Trip“ nicht wirklich interessant.

Allerdings erinnerte der Film mich stark an meine Uni-Zeit. Damals hatte ich nämlich zwei Seminare zum Thema „ A Feminist approach to American Literature“ (oder so ähnlich) und „Female Authors and Literary Criticism Theory“ besucht. In diesen Seminaren durfte ich ausgewählte Werke der Literaturgeschichte lesen und darin Motive und Themen erarbeiten, die für eine feministische Analyse des Werkes typisch und relevant sind.

Witziger Weise tauchen alle diese Motive beinahe beiläufig auch in diesem Film auf. Da ich von der Handlung so wenig wie möglich verraten möchte, zähle ich im Folgendem die einzelnen Motive einfach mal auf.

a) Die Rolle der Frau zwischen Vollzeitmutter und Bildung (wir vor allem deutlich in der Beziehung zwischen Cheryl und ihrer Mutter)

b) Männer als physische Bedrohung gegenüber Frauen (Tja, eine Frau alleine in der Wildnis…)

c) Strukturelle Gewalt gegenüber Frauen in von Männern dominierten Lebensbereichen (Ständig wird betont, dass Cheryl die einzige Frau auf dem Trial ist.)

„Es ist eine Sache so eine Reise zu machen. Eine andere seiner Frau zu erlauben das zu tun.“

Noch fragen?

d) Schönheitsideale (In einer Szene rät eine Verkäuferin der von der Reise gezeichneten Cheryl mehr auf ihre Körperhygiene zu achten, obwohl diese gerade offensichtlich eine längere und anstrengende Wanderung hinter sich hat)

e) Schmälerung der Leistungen und Verdienste von Frauen durch Männer (Cheryl erhält den Spitznamen „The Queen of the PCT“, weil sie angeblich wie eine Königin alles hintergetragen bekommt und von jedem Hilfe erhält. Ganz im Gegensatz zu den armen Männern.)

Ich denke mir hätte der Film besser gefallen, wenn der Schwerpunkt weniger auf der Selbstfindung der Hauptfigur gelegen hätte. Viel mehr hätten die vorhandenen Schnipsel einer feministischen Gesellschaftskritik stärker ausgearbeitet und betont werden können. Diese wahrscheinlich zu versteckten Aspekte werden jedoch von der Hauptgeschichte einfach überspielt. Schade.

Fazit: Kann ich den Film nun guten Gewissens empfehlen? Nein, eher nicht. Auch wenn es nicht leicht fällt sich das einzugestehen, fiel es mir als Mann schwer Identifikationspunkte zu finden und die Geschichte fand ich nicht sonderlich tiefgründig oder bewegend. Allerdings muss ich auch sagen, dass meine beiden KinobegleiterINNEN den Film ziemlich gut fanden. Die genannten feministischen Motive, von denen ich jetzt lang und breit geschrieben habe, haben sie hingegen so direkt gar nicht wahrgenommen.

Ach ja, weil wir gerade vom Feminismus reden: Jungs, Reese Witherspoon ist in einigen Szenen oben ohne zu sehen! 😉

Meine Wertung: Note 3-4

Nicht wirklich schlecht, aber auch nichts was lange in Erinnerung bleibt.

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17 Antworten zu “Filmkritik: Der Große Trip – Wild

  1. Als ich das erste mal von dem Film gehört habe, musste ich direkt an Into The Wild denken, den ich absolut großartig finde. Sind die Filme miteinander vergleichbar, oder geht das hier doch eher in eine andere Richtung? Hab den Text nicht gelesen, wegen Spoilergefahr.

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  2. Danke für den Post. Ich war mir ja auch nicht ganz sicher, wie ich den Film finden sollte.
    Frage: Für mich liest sich das alles so ein bisschen nach Nach-einem-Oscar-fisch-Film…vielleicht fürs adaptierte Drehbuch oder für Witherspoon. Täuscht da mein Eindruck? Was meinst Du?

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    • Mir ist zwar nicht ganz klar was du mit „Nach-einem-Oscar-fisch-Film“ meinst, aber was das Thema Oscar angeht, hab ich ohnehin keinen Plan 😉
      Eins meiner Lieblingsthemen ist die Frage: Warum gibt es so wenige gescheite Filmrollen für Frauen? Dazu hab ich übrigens seit längerem einen Artikel geplant. Von daher ist Reese Witherspoon in diesem Film eine der wenigen Schauspielerinnen, die überhaupt eine bewertbare Rolle ergattert haben. Bei den Golden Globes sagten mir die nominierten besten Schauspielerinnen gar nichts. Besser gesagt die Rollen, die sie spielten. Von daher könnte ich mir das für Witherspoon schon vorstellen. Allerdings vor allem aus Mangel an Kenntnis von Alterntiven.
      Bezüglich des besten adaptierten Drehbuchs würden mir bessere Filme einfallen als der hier. Aber die Filme, die mir gefallen werden grundsätzlich nie nominiert 😉

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      • Gute Idee, der Artikel mit den Frauenfiguren. Ich hab deine Kritik hier gern gelesen, obwohl mich der Film null interessiert. Ich finds super, wenn man auch auf solche Aspekte wie die Funktion, die ein Film ausübt, eingeht.

        Objektive Kritik gibt’s gar nicht. Und wenn man versucht, objektiv zu schreiben kommen gähnend langweilige Filmanalysen dabei heraus. Ich les deswegen schon gar keine „professionellen“ Kritiken mehr. Gut fundierte und ehrliche Meinungen sind viel ergiebiger. 🙂

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      • Ach, und um nicht missverstanden zu werden: Mit langweilige Filmanalyse meine ich nicht das, was du hier mit den Feminismusmotiven gemacht hast. Das ist eine spannende Filmanalyse 😀

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    • So, jetzt ist es offiziell. Reese Witherspoon ist nominiert! Bestes Adaptiertes Drehbuch hingegen nicht https://filmfrass.wordpress.com/2015/01/15/oscar-2015-alle-nominierungen-der-academy-awards/

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  3. „Auch wenn es nicht leicht fällt sich das einzugestehen, fiel es mir als Mann schwer Identifikationspunkte zu finden“ Find ich schonmal gut, dass du das geschrieben hast. 😛 Hätte sich denn viel geändert, wäre die Hauptfigur ein Mann gewesen?
    Wenn diese feministischen Punkte, die immer mal wieder vorkamen, nicht da gewesen wären bzw. auf einen Mann übertragen worden wären (Konflikt mit dem Vater, vielleicht Probleme mit der Beziehung zu Frau und Kind und all dieser „typische“ Kram) und du eine Identifikationsfigur gehabt hättest? Ohne diese ganze Gesellschaftskritik, die sich daraus ergibt, dass Reese Witherspoon die Hauptrolle hat, wäre es ja anscheinend wirklich nur um die Selbstfindung einer einzelnen Person gegangen.

    Ansonsten sehr gute Kritik, ich hab mir auch überlegt, den Film anzuschauen. (Gerade wegen dem feministischen Teil, von daher finde ich es ein wenig schade, wenn das nur am Rand angesprochen wird)
    Und ich freu mich auch weiterhin auf deinen Artikel über Frauenfiguren. 🙂

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  4. Ob das einen Unterschied gemacht hätte weiß ich nicht. Eine Erklärung dafür, warum es so wenig Filme gibt, in denen Frauen die alleinige Hauptrolle spielen ist für mich, dass Männer sich die Filme dann nicht angucken würden. Eben wegen der Identifiktion. VIELLEICHT hätte das also einen Unterschied gemacht. Vielleicht wäre der Film dann aber auch genauso langweilig gewesen. 😉
    Fakt ist: Der Film IST ein Selbstfindungsfilm! Der ganze Feminismus-Kram fällt dir glaub ich nur auf, wenn du das studiert hast oder von Experten wie mir vorher darauf aufmerksam gemacht wirst 😉 😛
    Vor allem wird es nicht „angesprochen“, sondern einfach so lapidar gezeigt. Deswegen merkt man eigentlich gar nicht, dass die ganzen Motive überhaupt da sind. Ich bin auch nicht ganz sicher, ob das vielleicht einfach Zufall war. Denn so weit ich weiß, hat bei dem Film auch keine Frau mitgewirkt. Von den Darstellerinnen mal abgesehen…

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    • Da Frauen es allerdings auch hinbekommen, sich Filme mit Männern als Protagonisten anzusehen, ohne soviele Probleme dabei zu haben…. 😛 Müssen sie halt aber auch, anders geht es ja nicht, sonst könnte man sich kaum einen Film ansehen…

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  5. Frauen können auch ohne mit der Wimper zu zucken 400€ für Schuhe ausgeben, die sie einmal tragen. Oder mehrere Tausend für ein Hochzeitskleid… 😉 Im Ernst: Das ist schon so, dass das Frauen leichter fällt. Das heißt aber nicht dass das Männer auch können (müssen).

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